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Politische Themen: Wann muss ein CEO Stellung beziehen? Muss ein CEO überhaupt Stellung beziehen?

4. Juli 2019 Posted by Stefan Pfeiffer

Klare Kante, die Reinhard Sprenger, promovierter Philosoph, Berater und Autor, in einem Interview mit der Wirtschaftswoche angesichts eines Tweets von Siemens-Chef Joe Kaeser zur Sea Watch-Affaire zeigt.

Manager verwalten Geld, das nicht ihnen gehört, und sind Angestellte von Aktionären. Diese müssten sie eigentlich erst um Erlaubnis fragen, ob sie sich zu solcherlei fremden Themen äußern dürfen.

über Sea Watch: Warum Siemens-Chef Kaeser besser nicht getwittert hätte

Firmenchefs dürfen sich demnach nicht zu gesellschaftspolitischen Ereignissen. Sie haben gefälligst Geld zu verdienen. Das ist ihr Auftrag. Dem Wirtschaftsführer solle hoffentlich egal sein, „ob ein moralisch einwandfreier Mensch oder ein Unhold seine Produkte kauft“. Sprenger warnt vor derzeit populistischem „Greenwashing“. Unternehmen müssten neutrale Begegnungszonen sein. Und vor allem Geld verdienen, füge ich hinzu.

Joe Kaeser sieht das offensichtlich anders, wie er schon vor geraumer Zeit geschrieben hat. Auch wenn er kein politisches Mandat habe, auch wenn sein Amt als Vorstandvorsitzender ihn nicht dazu bevollmächtige, im Namen seines Unternehmens, der Mitarbeiter oder der Aktionäre zu politischen Themen zu sprechen, müsse er Stellung beziehen können, dürfen, müssen, meint Kaeser.

Zwei Welten prallen aufeinander: Das althergebrachte und in der Regel praktizierte Verhalten von Wirtschaftsführern, sich aus politischen und gesellschaftlichen Themen heraus zu halten. Oder muss gerade auch ein Vorstand zu brisanten politischen Aspekten Stellung beziehen, wenn sie oder er es für wichtig und angebracht hält? Wohl wissentlich, dass die Aussagen trotz des gängigen Zusatzes „es ist nur eine private Meinung und nicht die meines Unternehmens “ im „Impressum“ von sozialen Medien bewusst oder unbewusst überlesen werden. Man werde – so konstatiert auch Kaeser – „Privatmann und CEO nicht voneinander trennen“.

Meine 2 Cents: Unternehmenslenker müssen öffentlich klare Ansagen machen und Aussagen treffen, wenn aus ihrer Sicht Grenzen überschritten werden. Mir sind solche Äußerungen lieber, als dass man still ist und still hält. Das hatten wir in der deutschen Geschichte schon einmal. Es wurde geschwiegen, geduldet, ja auch gespendet und gefördert. So etwas darf nicht mehr passieren.  Wegschauen gilt nicht mehr. Das sollten wir gelernt haben. Deshalb stimme ich Kaeser zu:

Ein CEO kann, darf, soll politisch sein. Manchmal muss er sogar politisch sein, wie ich finde.

Quelle: Wie politisch soll/kann/darf ein CEO sein?

Es muss nicht immer Twitter sein, aber es ist ein Indiz, dass nur 6 der 30 deutschen DAX-Chefs dort aktiv sind und Flagge zeigen. Ja, Vorstände, ein CEOs, Unternehmenslenker sind zuerst Besitzern und Aktionären verpflichtet. Sie müssen und sollen Gewinn erwirtschaften. Doch sie sollten auch jenseits des nächsten Quartalsendes denken und wo sie es – sinnvollerweise in Abstimmung mit Vorstand, Geschäftsführung, gegebenenfalls auch Mitbestimmung – für richtig und wichtig erachten, handeln und Stellung beziehen. Nicht à la TrumpÄsche Dauerbeschallungsmaschine, sondern gezielt und klar.

Solch pointierte, öffentliche Aussagen können und werden zu Konflikten und auch – wie im Falle Kaeser – zu Anfeindungen und Bedrohungen der eigenen Person und Familie führen. Wer trotzdem den Mut hat, öffentlich für demokratische und humanistische Prinzipien eintritt, der hat meine Hochachtung. Dazu muss ich nicht mit alle seinen öffentlichen Aussagen inhaltlich übereinstimmen.

P.S. Im größeren Kontext könnte man jetzt noch das Thema Corporate Responsibility oder Corporate Citizienship – Verantwortung der Unternehmen für die Gesellschaft – aufmachen, aber das ist vielleicht mal eines separaten Artikels wert.

(Stefan Pfeiffer)

 

 

 

 

 

Ja, wir brauchen Solidarität mit Politikern, die Flagge zeigen, aber wir brauchen noch viel mehr – Replik auf Gustav Seibt

21. Juni 2019 Posted by Stefan Pfeiffer

Ich erinnere mich noch gut an meine Zeit als freier Journalist bei der WNZ, wo ich das Handwerk lernte und mir einige Mark dazu verdiente. Nach kurzer Zeit lernte ich die Lokalpolitiker und deren Alltagsgeschäft näher kennen. Mehrere Abende – meist am Freitag oder Wochenende – habe ich den damaligen Landrat Gerhard Bökel quasi verfolgt … von einer Karnevalssitzung zur nächsten. Drei oder vier Sitzungen haben wir gemeinsame besucht. Eigentlich hätten wir ein Auto nehmen können.

Oder ich habe über die Lokalpolitik in meinem Heimatort –  4 Orte, die zu einer Stadt zusammengeschlossen wurden – berichtet und beobachtet. Sehr oft ging es dort doch nach dem Motto, wenn Du dem Bau des Sportplatzes in Ort A zustimmst, bekommt Ort B im kommenden Jahr das Feuerwehrhaus durchgewunken. Persönlicher Höhepunkt war dann vor einer Kommunalwahl, als Vertreter dreier unterschiedlicher Parteien mich fragten, ob ich nicht für sie kandidieren wolle.

Lokalpolitik ist auch hartes Brot. Man lernt das Geben und Nehmen und die Kunst des politischen Kompromisses, auch etwas die Interessenpolitik und das Geschachere. Doch Lokalpolitik ist notwendig. Man ist ganz nahe am Bürger und kann direkt vor Ort wirken und auch Ergebnisse sehen. Wie viele andere habe ich mich aber nicht durch gerungen, mich lokal in der Politik und in einer Partei zu engagieren. Vielleicht habe ich mich als zu gut dafür gehalten oder manche Kleingeisterei hat mich abgeschreckt. Ist jetzt auch egal.

Was nicht erst seit dem Mord an Lübcke erschreckend ist, ist jedoch, dass Lokalpolitiker/innen und Politiker/innen generell mit Schmutz beworfen, nicht mehr nur verbal sondern auch real angegriffen werden. Gustav Seibt – deutscher Historiker, Literaturkritiker, Schriftsteller und Journalist – hat das Thema in der Süddeutschen Zeitung in einem ausführlichen Artikel aufgegriffen.

An der Basis ist unser politisches System ziemlich wehrlos. Sollen sich Bürgermeister und Landräte nicht mehr auf Dorffeste trauen können, wenn sie Entscheidungen treffen, die einem radikalisierten Teil der Bürgerschaft nicht gefallen? Das hätte verheerende Folgen fürs Funktionieren von Politik und kommunaler Selbstverwaltung.

Er schließt seinen Beitrag mit folgendem Satz:

Wenn Politiker vor Ort bedroht, gar ermordet werden, wenn die Grundvoraussetzung der Ordnung, das staatliche Gewaltmonopol herausgefordert wird, dann ist es Zeit für eine Solidarität, die sich nicht im Symbolischen erschöpft.

über Kriminalität: Und wenn keiner mehr den Job machen will? – Kultur – Süddeutsche.de

Das kann ich nur unterschreiben. Und es gilt nicht nur für Politiker/innen, sondern auch für  Meinungsführer/innen und Journalisten/innen wie eine Ferda Ataman oder eine Dunya Hayali. Das sollte nicht sein. Das kann nicht sein. Da muss man sich solidarisch erklären und das auch bekunden. Und die Angriffe müssen auch strafrechtlich verfolgt werden.

Ich persönlich weiß nicht, ob ich diese Art und den Ton der verbalen Anfeindungen, der Gossensprache und des blanken Hasses und der Dummheit ertragen könnte und wie schnell ich in meiner Höhle verschwinden, in meiner Privattheit abtauchen und mich zurückziehen würde. Ich kann nochmals den Hut vor allen ziehen, die Flagge zeigen und gegen halten.

Doch wie erklärt man sich solidarisch? Wie zeigt man Flagge? Gustav Seibt als ein klassischer Vertreter seiner, äh meiner Generation fordert dazu auf, in die Parteien zu gehen und sich dort zu engagieren. Sich nur mal im Netz und in den sozialen Medien zu äußern, reiche nicht aus, ja sei nur eine Art Symbolik und Ersatzpolitik, Das florierende Genre der Social-Media-Kritik kennzeichnet er als hinterwäldlerisch.

Na ja, umgedreht sehe ich in diesen Aussagen von Seibt auch etwas Hinterwäldlerisches. Gerade meine, unsere Generation, auch die politischen Parteien haben noch immer nicht verstanden, dass „das Netz“ in all seinen negativen wie auch positiven Ausprägungen heute politische Realität und auch Ort der politischen Manifestation und Bildung von Meinung ist. Die Meinungsmacht verlagert sich langsam aber sicher ins Netz, wie eine aktuelle Studie gerade (wieder) bestätigt. Das sollte man einfach so abtun, schlecht reden, sondern vielmehr überlegen, wie man „das Netz“ für demokratische Kräfte zurückerobert und in den politischen Diskurs konstruktiver integriert.

Politische Meinungsbildung findet heute nicht mehr nur in der Süddeutschen, FAZ oder in der BILD statt. Es reicht nicht mehr nur, seine Birne in die Fernsehkameras von ARD und ZDF zu halten und damit hat man „die Wähler“ erreicht. „Das Netz“ ist gerade bei den Jüngeren gesetzt. Und Ihr ewig Gestrigen seht das endlich mal ein und lasst uns gemeinsam die Chancen ergreifen und die Auswüchse konsequent bekämpfen! Wir dürfen „das Netz“ nicht der AfD, anderen politisch extremen Strömungen oder auch Datenkraken und -monopolen überlassen. Dort, im Netz, entscheidet sich einer großer Teile unserer politischen Zukunft.

Und den Ausspruch und die Aufforderung mal brav wieder in Parteien zu gehen und sich dort zu engagieren, kann ich persönlich zugegebenermaßen auch kaum noch hören. Bis auf eine Partei, die gerade „ge-hyped“ wird und deren Mitglieder und Politiker bald in der regierenden Realpolitik harten Herausforderungen an ihr Selbstverständnis begegnen werden, stoßen mich (und viele andere) die etablierten Parteien immer wieder und sehr konsequent ab. Klöckner und Nestlé oder Unionsfreund Scheuer und seine Verschwörungstheorien sind ebenso abtörnend wie das Versagen in der SPD oder die wirren neoliberalen Sprüche von Politikprofi Lindner.

Wenn Parteien wieder mehr Mitglieder haben wollen, müssen sie sich ändern, im Verhalten ihrer Führungsspitze, wie auch in den Möglichkeiten, sich gegenüber politisch Interessierten zu öffnen und diese in Diskussionen einzubinden. Ich zweifele daran, dass „die Parteien“ derzeit „die junge Generation“, die gerade bei Fridays for Future demonstriert oder sich das Rezo-Video „reinzieht“, abholen kann und wird.

Gerade aber „die Jüngeren“ braucht unsere Demokratie. Die haben durchaus – um mit dem Video der DFB Fußballfrauen zu sprechen – nicht nur Eier in der Hose, sondern auch einen Pferdeschwanz. Sie gehen nämlich auf die Straße und zeigen Flagge, etwas was meine, unsere Generation aus vielen von Seibt beschriebenen Gründen nicht mehr oder zu wenig tut. „Diese Jungen“ machen mir echt Mut. Der Pöbel von AfD und Konsorten macht mir Angst.

Relevante Fragen sind also aus meiner Sicht:

  • Wie öffnen wir „die Politik“ wieder für die jüngere Generation und ermögliche ihnen aktive Partizipation auch jenseits der gewohnten Parteipolitik und -zugehörigkeit?
  • Wie öffnen sich „die Parteien“ für politisch Interessierte, Jüngere und Ältere, und schrecken nicht nur ab?
  • Wie integrieren wir „das Netz“ konstruktiv in die politische Diskussion, statt es als Hort der Verdammnis Radikalen und Kommerz zu überlassen?

In diesen Fragen spielt meiner Meinung nach viel Musik.

(Stefan Pfeiffer)

 

#9vor9: Keine schnellen oder zumindest zügigen Antworten auf Facebook und die „Big Five“

5. Februar 2019 Posted by Stefan Pfeiffer

Das alte Ehepaar* Gunnar Sohn und meine Wenigkeit haben sich wieder zu #9vor9 getroffen. Ein Thema war natürlich das Verhalten von Facebook und Diskussionen um eine potentielle Zerschlagung von Facebook und Konsorten. Die US-amerikanischen Gesetze scheinen den Anforderungen des digitalen Zeitalters mit den Big Five nicht mehr gerecht zu werden, auch wenn wohl sogar in den USA das Verhalten kontrovers diskutiert werden.

Doch kann man wohl nicht auf die USA zählen, sondern man müsste auf europäischer und deutscher Ebene schnell agieren. Und „schnell“ ist hier das Schlüsselwort: Politik, Institutionen und Judikative scheinen sich jenseits von vollmundigen Äußerungen in der Öffentlichkeit nicht wirklich sichtbar oder gar zügig zu bewegen. Vielleicht passiert ja im politischen und gesetzlichen „Untergrund“ ungemein viel. Allein mir fehlt …

Weitere Themen kurz gestreift: Ständige Optimierung bei SAP bei gleichzeitigem Stellenabbau und Slack, der Messenger-Anbieter mit über 10 Millionen aktiven Anwendern, will wohl an die Börse. Amazon Web Services ist ein Cash-Bringer bei Amazon und generiert auch im Netz mehr Traffic als Google. Dazu die Woche mehr.

* Nach dem Publizieren des Beitrags bin ich auf den Artikel des geschätzten Andreas Stiehler gestossen. Zum Thema „altes Ehepaar“ noch treffender:

Digitale Evangelisten mutieren zu alternden Schlagersängern

 

 

Zwei verlorene Jahre: „Es wird von der Politik einfach zu wenig gemacht.“ | Michael Heinz

8. Dezember 2018 Posted by Stefan Pfeiffer

Michael Heinz, Vorstand bei der BASF und Vorsitzender der „Wissensfabrik“, einem Netzwerk aus 140 Unternehmen und Stiftungen, die angetreten sind, Naturwissenschaft und Technik in Schulen privat zu fördern. bringt das vorherrschende Gefühl auf den Punkt:

„Es wird von der Politik einfach zu wenig gemacht. Wir reden jetzt schon seit zwei Jahren über den Digitalpakt, und bis heute hat es noch nicht einmal die dafür nötige Grundgesetzänderung gegeben.“

über Blockade des Digitalpakts bringt Unternehmen auf die Palme – FAZ.NET

Nicht nur für Heinz zwei verlorene Jahre. Interessenpolitik blockiert sich gegenseitig statt notwendigerweise auf die Tube zu drücken.

(Stefan Pfeiffer)

Über markige Worte und Versprechungen – oder: Sag niemals nie

10. Februar 2018 Posted by Stefan Pfeiffer

Nun musste also Martin Schulz zurückziehen und wird doch nicht Au0enminister. Gut so. Wer vorher die Schnauze zu voll nimmt, sollte auch davon eingeholt werden. Schulz ist ein Paradebeispiel. Nein, niemals eine große Koalition. Nein, ich trete nicht in ein Kabinett Merkel ein. Große Klappe. Selber schuld, denn dadurch überschattet er die für die Sozialdemokraten durchaus sehenswerten Verhandlungsergebnisse, an denen er ja ganz offensichtlich maßgeblich beteiligt war.

Tja, auch der durchaus von mir geschätzte (und in der SPD nicht so beliebte) Olaf Scholz, seines Zeichens noch Hamburger Bürgermeister, ist in diese Fall getappt. Im September gab es noch seine Aussage, dass er in Hamburg bleiben wolle. Nun wird er wohl vorbehaltlich der Zustimmung der SPD Mitglieder Finanzminister.

Und um es nochmals ausdrücklich zu sagen: Dies ist kein SPD Problem. Die markigen Worte und vermeintlichen Versprechungen werden auch von anderen Parteien und deren „Größen“ gemacht. Man muss nur nach Bayern zu dem unsäglichen Glyphosat-Schmidt und Dobrindt schauen. Oder nach Herrn Lindner, aber lassen wir das.

Vielen, zu vielen Politikern scheint offensichtlich egal, wie sehr sie mit ihren Aussagen das eh bröckelnde Vertrauen in unsere Demokratie noch weiter gefährden und gerade den rechten Rattenfängern Wähler in die Hände treiben. Glaubwürdigkeit scheint nicht mehr zu zählen. Dabei ist dies für einen Politiker ein wertvolles Gut, meine zumindest ich in meiner offensichtlich altmodischen Weltanschauung. Deshalb mit James Bond: Sag niemals nie. Und wenn Du solche Aussagen triffst, dann steh auch dazu, statt Dein Fähnchen nach dem Winde zu drehen, nach dem nächsten Pöstchen zu gieren und nur an Deine Macht zu denken.

Kann man übrigens auch in andere Lebensbereiche und in die Wirtschaft übertragen. Nur wird da nicht gewählt

(Stefan Pfeiffer)

[DE] Netz der Fremden statt Heimat der feurigen Debatte

30. September 2014 Posted by Stefan Pfeiffer

Das Netz – eingefrorene Kommunikationskanäle statt feuriger Debatte?

Lesenswert ist er auf jeden Fall, der Beitrag von Mathias Müller von Blumencron in der FAZ. Hier “meine” Kernauszüge”:

Bürger, Wähler sind in der Regel keine Fachleute, und sie müssen es nicht sein. Sie nutzen Filter, die für sie das Weltgeschehen sortieren, analysieren, kommentieren. Filter können Medien sein. Die waren über Jahrzehnte die wichtigsten Initiatoren informierter Diskurse.

Ein ebenso bedeutender Filter sind die Empfehlungen und Ansichten der Nächsten, der Familie, der Freunde. Sie beruhen allerdings nicht immer auf großem Fachwissen. Deshalb haben Medien, bei aller Anfälligkeit für Fehlleistungen, in demokratischen Gesellschaften eine konstituierende Bedeutung: als Vermittler zwischen Fachleuten und Laien, zwischen Politik und Gesellschaft …

Doch seit einigen Jahren wählen immer mehr Leute Informationswege jenseits der klassischen Medien. Sie konfigurieren sich Informationsströme – in der Mehrheit nicht nach Sachthemen, sondern nach Personen. Der persönliche Newsfeed … ist für immer mehr Nutzer der zentrale Informationsstrom, … Doch die Reihung willkürlich zusammengesuchter Texte zu subjektiven Informationsströmen führt zur Einseitigkeit. Genauso wie im richtigen Leben gruppieren sich die Leute im Netz um ihresgleichen: Heimat ist nicht der Platz der feurigen Debatte, Heimat ist die Geborgenheit unter Gleichdenkenden.

Dabei war es ein Teil des Traums, dass die sozialen Medien, diese Meisterwerke der Kommunikationstechnologie, den Schweigsamen eine Stimme geben, den Unterdrückten eine Möglichkeit zum Protest verschaffen, …

Der Schwarm werde es richten, sagen unverdrossen die Optimisten. Die Menschheit sei ja nun vereint durch das eine Medium. Doch den Schwarm gibt es nicht. Es gibt nur Schwärme. Die schwimmen selbstbewusst durch die Weiten der digitalen Sphären. Nur begegnen sie sich seltener, verlernen langsam die gemeinsame Sprache.

via Cyberwelt: Das Netz der Fremden – Denk ich an Deutschland – FAZ.

Ich kann dem nicht ganz folgen. Das Netz – ich benutze den Begriff einfach mal so, obwohl man das sicher näher definieren müsste – hat auf jeden Fall neue Reichweiten und Möglichkeiten geschaffen, sich unabhängig von klassischen Medien zu gruppieren oder zu informieren. Doch nicht erst seit dem Netz haben sich Gleichgesinnte gesammelt und oft nur “ihre” Meinung zugelassen, nur ihre Publikationen und Medien gelesen und gehört. Ignoranz und Intoleranz sind nicht mit oder durch das Netz entstanden.

Bei aller Sympathie für unabhängige Medien: Wurde nicht das Netz und seine Mechanismen von vielen der klassischen Medien schlicht verschlafen? Von wegen Vermittlung zwischen Fachleuten und Laien: Wieviele Bürger haben denn die klassischen Medien noch erreicht bzw. erreichen sie noch? Ja, das Netz wird auch von Fanatikern und Radikalen missbraucht. Ja, sogar demokratische Regierungen haben abgehört, hören ab und verletzen die Rechte des Einzelnen.

ABER: Das Netz ist eine nicht aufzuhaltende Transparenzmaschine, NSA hin, Blockadeversuche her. Der arabische Frühling wäre nie ohne das Netz möglich gewesen – mit allen Konsequenzen, mit denen wir jetzt zu kämpfen haben. Das Netz und die damit erzeugte Öffentlichkeit ist die stärkste Waffe für Unterdrückte. Ja, wir brauchen dort mehr Diskurs, Quailität und Inhalte, weniger Propaganda und Infiltration. Vermittler, nicht Fanatiker sind gefragt. Aber das Glas ist nicht halb leer. Es ist mindestens halb voll.


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[DE] Statt Social-Media-Skepsis müssen Politik und Eliten Akzeptanz für gesellschaftliche Veränderung vorleben

26. November 2013 Posted by Stefan Pfeiffer

Ein hervorragender Beitrag von Michael Bechtel, dem ich nur zustimmen kann. Wir müssen gestalten, nicht verweigern.

Software an sich macht Kommunikation und Kooperation nicht besser, die Menschen müssen das mit Hilfe der Software tun. … Menschen, die sich an ihre E-Mail-Kommunikation klammern und gegenüber jeder Form von Web-2.0-Plattformen fremdeln, werden das nicht umsetzen. Das bekamen alle Unternehmen zu spüren, die als Vorreiter Social-Media-Plattformen einführten. Die Blockade beginnt bereits im Management, wo die Angst vor Kontroll- und Machtverlust umgeht. Und die Masse der Mitarbeiter lässt weder gern von alten Gewohnheiten noch sieht sie ein, sich den Risiken einer Dialogkommunikation auszusetzen, der sich die Chefs entziehen.

Die Menschen müssen Veränderung wollen

Enterprise 2.0 entsteht nicht schon dadurch, dass im Unternehmen Web 2.0 Werkzeuge verfügbar sind. Die ist bisher nicht in Sicht. Nicht nur die netzaffinen Führungskräfte der nächsten Generation sind für den Kulturwandel notwendig, sondern auch die Fachkräfte, die nicht mühsam auf den Gebrauch einer unternehmensinternen Social-Media-Plattform gedrillt werden müssen, sondern Lebenserfahrung aus dem eigenen Umgang mit dem Netz bereits mitbringen und den Nutzen sehen. Gewiss kann das die Politik nicht alleine richten, aber gefragt ist sie doch. Politiker, denen beim Thema Internet zwanghaft nur Vorratsdatenspeicherung und Überwachung einfällt, tragen Mitschuld an der negativen Einstellung. Da helfen dann auch Ausbaupläne für das Netz nicht. Auch 100 Gbit/sec am Rechner des letzten Deutschen würden nicht den Durchbruch bringen, solange Politik und Eliten nicht die Akzeptanz für die gesellschaftliche Veränderung vorleben, die mit dem Web 2.0 einher gehen.

via Schlagworte: Social-Media-Skepsis bremst Innovation in den Unternehmen.


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