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Die Digitalthemen bei #9vor9: Der Medienstaatsvertrag und Datenschutz rund um die Corona Warn App und das Gesundheitswesen

25. November 2020 Posted by Stefan Pfeiffer

Unsere Digitalthemen in dieser Sendung: Lars hat den Medienstaatsvertrag auf der Agenda, der – längst überfällig – den alten Rundfunkstaatsvertrag ablöst. Hier wird unter anderem die Verantwortlichkeit von Medien wie etwa Online-Streamingdiensten geregelt. Der Medienstaatsvertrag richtet sich vor allem an so genannte „Medienintermediäre“ wie Facebook oder Google, die Inhalte weiter verbreiten. Die müssen jetzt Inhalte gemäß der geltenden journalistischen Grundsätze auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen.

Geklärt ist nun auch, ob und wann Streamer eine Rundfunklizenz benötigen. Demzufolge brauchen Streams, die der Meinungsbildung dienen und mehr als 20.000 gleichzeitige Nutzer über einen durchschnittlichen Zeitraum von 6 Monaten haben eine Rundfunklizenz. Weitere Details wie die Angabe eines inhaltlich Verantwortlichen oder zur journalistischen Sorgfaltspflicht auf Webseiten findet man hier.

Konkurrenz zum geplanten EU Digital Services Act?

Zur Lektüre empfohlen: Dieser Beitrag von der FAZ, der auf Vorbehalte der EU-Kommission wegen des geplanten Digital Services Act eingeht und den Medienstaatsvertrag als nationalen Alleingang rügt. Auch netzpolitik.org spricht von einer nationalen Extrawurst. Rechtsanwalt Jan Kalbhenn schreibt dagegen im Social Media Watchblog (kostenpflichtig) von einer europa- und weltweiten Vorreiterrolle und auch unser Lars haben den Vertrag eher begrüßt.

„Mein“ Thema der Woche ist einmal mehr Datenschutz, diesmal im Zusammenhang mit der Corona Warn App und der elektronischen Patientenakte. Von vielen Politikern, beispielweise Winfried Kretschmann und Markus Söder, hört man dieser Tage die Forderung, den Datenschutz in und rund um die Corona Warn App aufzuweichen, damit diese einen höheren Wirkungsgrad in der Pandemiebekämpfung erziele. Ein Argumentationsstrang, den man dabei oft hört (und der mich etwas erregt): Bürger:innen gäben ihre Daten ja auch einfach so an Facebook, Google, Amazon und Co. Dann könnten sie diese auch für den quasi guten Zweck der Pandemiebekämpfung zur Verfügung stellen. Ein bisschen einfach diese Pseudoargumentation.

Google und Facebook haben meine Daten – warum nicht auch die Corona Warn App?

Viele Datenschützer halten natürlich dagegen. Der ehemalige Datenschutzbeauftragte Peter Schaar weist darauf hin, wie wichtig das Thema Datenschutz für die Akzeptanz von Corona Warn Apps sei. Hier verzeichne die deutsche Lösung die höchsten Download-Zahlen.

Unterdessen hat auch der aktuelle Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber erneut in diese Kerbe geschlagen. Er schreibt von einer steilen These, die meist nicht belegt sei. Corona-Bekämpfungsmaßnahmen gelängen nur dann, wenn ein ausreichend großer Teil der Bevölkerung sie freiwillig akzeptierten. Datenschutz erzeuge das notwendige Vertrauen in die Maßnahmen.

Apropos Vertrauen: Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) hat gerade untersucht, was Deutsche, Schweizer und Österreicher daran hindert, die jeweiligen Apps zu installieren. Demzufolge haben 31 Prozent der Deutschen trotz besagten Datenschutzes immer noch genau dort Bedenken. Und 21 Prozent der Befragten fürchten Überwachung. Weitere Details hier auf heise online.

Peter Schaar weist in seinem Beitrag – wie viele andere – auf mögliche und notwendige Erweiterungen der deutschen Corona Warn App wie einer besseren Erkennung von Infektionsclustern und das Versenden entsprechender Warnungen an Nutzer, der tieferen Integration in die Test-Infrastrukturen oder auch der Möglichkeit, freiwillig ein Kontakttagebuch zu führen. Den Vorschlag, einfache Armbänder zu entwickeln, die die Funktionalität der Corona Warn App auch Personen, die kein Smartphone haben. zur Verfügung stellt, finde ich übrigens sehr charmant. Fragt sich nur, wie kurzfristig das ginge.

Ist Datenschutz immer absolut oder kann es Zwischenschritte geben?

Kann und sollte man bei der Corona Warn App eine klare Haltung bezüglich des notwendigen Datenschutzes haben, so stellt sich mir diese Frage beim Thema der elektronischen Patientenakte anders. Die Akte soll ja jetzt zum 1. Januar 2021 für alle gesetzlich Versicherten eingeführt werden. Jedoch haben hier Datenschützer wie Ulrich Kelber Bedenken. Er warnt vor der Version 1.1. der elektronischen Patientenakte, die nicht DSGVO-konform sei. Erst die Version 2.0, die für Anfang 2022 geplant ist, soll dann den notwendigen umfassenden Datenschutz auch für potentiell stigmatisierende Informationen bieten. Im Beitrag von heise online wird gemunkelt, dass der Bundesdatenschutzbeauftragte dier Version 1.1. stoppen könnte.

Und genau hier bin ich gespalten, gerade auch aus meiner Perspektive als Patient, der erlebt hat, wie heute noch immer Informationen zwischen Ärzten und Krankenhäusern ausgetauscht werden: per Fax, Telefon und DVD. Hier sei auch nochmals auf den Podcast des Handelsblattes mit Dr. Jens Baas verwiesen. In #9vor9 habe ich deshalb auch die Frage gestellt, ob man trotz der Bedenken die Pateintenakte genehmigen und nutzen solle mit dem klaren Versprechen, dass zum 1.1.2022 der umfassende Datenschutz realisiert wird. Darf man also die elektronische Patientenakte (ePA) quasi als bundesweiten Feldtest betreiben, wohl wissentlich, dass es noch Schwächen gibt?

Ich möchte eine elektronische Patientenakte, damit ich besser behandelt werde

Ich bin hier bei TK-Chef Jens Baas und dem Gebot, dass ich als Patient:in der Nutzung meiner Daten in der ePA (und darüber hinaus anonymisiert zum Beispiel für Forschung) explizit zustimmen muss. Und ich glaube, dass wir auch beim Datenschutz Zwischenlösungen, auch einmal statt schwarz-weiß einen Hellgrauwert akzeptieren müssen, solange dann weiß gewaschen wird. Oder gibt es nur den absoluten Datenschutz. Anders herum: Datenschutz sollte und darf kein totaler Roadblocker und endloser Verzögerer oder Bremser für Digitalisierung sein. Hier sollten durchaus Zwischenschritte möglich sein, solange das Ziel des sauberen Datenschutzes nicht nur im Visier bleibt, sondern realisiert wird. Hier spielen Datenschützer für mich die wichtige Rolle des Aufpassers, aber eben nicht des Blockierenden. Vielleicht trügt ja auch mein Eindruck, aber im Bereich Gesundheitswesen wünsche ich mir aus ganz persönlichem Interesse als Patient die bessere Nutzung meiner Daten, die mir gehören, damit ich besser behandelt werde.

Und natürlich gibt es #9vor9 auch wieder als Podcast auf den bekannten Plattformen und hier im Netz.

(Stefan Pfeiffer)

Reingehört in Handelblatt Disrupt mit TK-Chef Jens Baas: Es ändert sich im Gesundheitswesen so wenig, weil zu viele Leute zu gut mit dem alten System leben

20. November 2020 Posted by Stefan Pfeiffer

Eine neue Hörempfehlung: der Handelsblatt Disrupt Podcast mit dem Chef der Techniker Krankenkasse Dr. Jens Baas im Gespräch mit Sebastian Matthes vom Handelsblatt. Jens Baas kenne ich aus dem IBM Livestudio. Dort hat er sich 2018 auf der Cebit mit dem damaligen IBM Deutschland-Chef Matthias Hartmann über die elektronische Gesundheitsakte unterhalten, bei der IBM unterstützen durfte. Es geht um die Digitalisierung und den Stand des Gesundheitswesens und der Krankenkassen. Für mich klare, deutliche Aussagen, vom Thema – natürlich – zweite Welle bis hin zu den Gründen, warum es im Gesundheitswesen so langsam mit der Digitalisierung voran geht.

Eine Aussage: Es ändert sich so wenig, weil zu viele Leute zu gut mit dem alten System leben, von den Ärzten über die Kassen bis zu Patientenverbänden und der Pharmaindustrie. Immer wird – oft erfolgreich – versucht, die eigenen Interessen zu schützen. Und gar mancher, der Datenschutz schreit, meint – so Baas – in Wirklichkeit Schutz der eigenen Interessen und damit einhergehend Angst vor Transparenz. Jens Baas bringt viele praktische Beispiele, wirkliche Augenöffner.

Mich beschäftigt das Thema ja schon geraume Zeit und ich möchte als Patient die Möglichkeit, die Chance haben, meine Daten, meine Patientenakte für meine Ärzte frei geben können. Es ist und bleibt für mich unfassbar, dass noch immer viele Informationen per Fax oder auf DVDs ausgetauscht werden, wie ich es selbst erleben musste. Heute noch – so Baas – verbringen viele Ärzte einen großen Teil ihrer Zeit damit, Befunden hinterher zu telefonieren.

Und ja, das Thema Datenschutz muss immer wieder kritisch beleuchtet werden. Gerade hat ja der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber davor gewarnt, dass dass Version 1.1. der elektronischen Patientenakte (ePA), die zum 1.1.2021 eingeführt werden soll, nicht DSGVO-konform sei. Erst mit der für Januar 2022 geplanten Version 2.0 der ePA hätten die Versicherten die volle Hoheit über ihre Daten. Hier kommt es derzeit zu Auseinandersetzungen, deren Ergebnis noch nicht abzusehen ist. Doch stellt sich mir die Frage, ob man nicht hier ein Jahr Überbrückungszeit mit einem zum 11.2022 garantierten Datenschutz akzeptieren könnte, ja sollte?

Baas fordert in dem Podcast eine offene Diskussion, wer Patientendaten wann und wofür nutzen kann. Erst wenn der Patient seine Daten explizit frei gibt, erst dann dürften sie in vereinbartem Umfang genutzt werden. Hier sind wir wieder an dem von mir angesprochenen Punkt. Ich möchte über meine Patientendaten bestimmen, aber ich möchte vor allem überhaupt einmal die Möglichkeit haben, basierend auf meiner bewussten Entscheidung meine Patientendaten und -befunde mit meinen Ärzten vollumfänglich teilen können.

Das Gespräch mit Jens Baas dauert bis ca. 34:41. Eine halbe Stunde, die sich lohnt.

https://handelsblatt-digitaldisrupt.podigee.io/feed/mp3

Unten eingeblendet eine Infografik von der Techniker Krankenkasse, was im quasi „Vorgänger“ einer elektronischen Patientenakte, TK-Safe, der mit Unterstützung der IBM entwickelten elektronischen Gesundheitsakte an Informationen hinterlegt werden kann:

Grafik aus der Presse-Mediathek der TK – Alle Rechte liegen bei der TK

Digitalisierung im Gesundheitswesen: Endlich Lösungen zum Wohle der Patienten oder doch nur Marktforschung, Werbung und Vermarktung für Krankenkassen und Pharmakonzerne?

17. Juli 2019 Posted by Stefan Pfeiffer

Das Thema Digitalisierung im Gesundheitswesen habe ich ja erst kürzlich aus Patientensicht hier beleuchtet. Mir geht das alles viel zu langsam und ich finde es nahezu inakzeptabel, dass meine behandelnden Ärzte zwischen Hausarzt, Facharzt und Krankenhaus nicht problemlos auf meine Untersuchungsergebnisse zugreifen können, so ich ihnen die entsprechende Erlaubnis erteilt habe. Können wir es uns denn im Sinne der Patienten erlauben, nichts zu tun?

Jetzt ist gehen wir in die nächste Runde. Ein Gesetzesentwurf wurde von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vorgelegt, der unter anderem Digitale Impfausweise, Videosprechstunden und Apps auf Kassenkosten vorsieht. Das unter anderem von mir angemahnte Thema elektronische Patientenakte wird – so die Meldung von dpa – erst einmal verschoben, da ein eigenes „Datenschutzgesetz“ in Abstimmung mit dem Justizministerium wohl im Herbst vorgelegt werden soll. Der Zeitplan für die Akte bis 2021 soll weiter gelten.

Und wieder kommen Bedenken und Proteste. Leon Kaiser mahnt auf netzpolitik.org erneut den notwendigen Datenschutz und warnt vor der kommerziellen Nutzung von Daten durch die Krankenkassen. Bisher sei der Datenschutz streng reguliert. Nun wolle Spahn dies aufweichen, so dass „Krankenkassen mit diesen Daten in Zukunft Marktforschung betreiben und die Ergebnisse mit der Wirtschaft teilen“ können:

Mit Einwilligung der Patient:innen dürften die Kassen ihre Adresslisten nutzen, um dann individualisiertes Informationsmaterial – auch bekannt als Werbung – zu verschicken.

über Marktforschung, Werbung und Vermarktung: Spahn will Gesundheitsdatenschutz aufweichen – netzpolitik.org

Leon Kaiser bringt die angedachte elektronische Patientenakte genau damit in Zusammenhang, verweist und verlinkt dabei auf das Projekt der IBM mit der Techniker Krankenkasse. Für mich steht dort folgender Kernsatz:

Die Datenhoheit über die TK-Akte liegt bei den Versicherten. Sie allein bestimmen, wer welche Daten sehen darf.

über Vorreiter-Projekt: TK beauftragt E-Patientenakte bei IBM

Genau darum geht es und genau das gilt es zu gewährleisten, zu prüfen und zu garantieren. Hier muss der Fokus liegen und nirgendwo anders im Sinne der Patient:innen, die sonst weiter hinten runter fallen. Bedenken sind wichtig, Datenschutz ist noch wichtiger, aber es ist nun wirklich an der Zeit aus der Blockade, dem jahrelangen Hinhalten und der endlosen Diskutiererei heraus zu kommen.

(Stefan Pfeiffer)

* Um es nochmals explizit zu schreiben: Ich bin nicht bei der Techniker Krankenkasse. Ich arbeite bei IBM, habe aber absolut nichts mit besagtem Projekt zu tun. Ich schreibe hier als betroffener Patient, der sich insbesondere in den vergangenen zwei bis drei Jahren über die steinzeitlichen Verhältnisse im deutschen Gesundheitswesen und in deutschen Arztpraxen aufregt.

Frage in meinen Augen nach @Kattascha-Artikel: „Es gibt keine garantierte Sicherheit“ verus „Ich mache die Patientenakte so sicher wie irgend möglich“

16. Januar 2019 Posted by Stefan Pfeiffer

Der einzig gute Nebeneffekt des aktuellen Doxing-Vorfalls könnte sein, dass wir eine breitere öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema bekommen haben. Wenn auch meine Mutter mich darauf anspricht, dann ist zumindest bei den interessierten und wacheren Anwenderinnen und Anwendern angekommen. Doch viele Herausforderungen bleiben. Eine davon ist, dass die vielfältige moderne Technik Emma und Otto Normalbürger/in einfach überfordert, wie ich es ja auch geschrieben und bei #9vor9 diskutiert haben.

Katharina Nocun hat auf der Süddeutschen das Thema in einem lesenswerten Beitrag auch nochmals aufgegriffen. Manches klingt fast banal, ist es aber sicher nicht:

Politiker sind auch nur Menschen. Sie nutzen ein und dasselbe Passwort für mehrere Dienste. Teilen vertrauliche Informationen über unsichere Kanäle. … Eines von vielen Sicherheitsrisiken sitzt vor dem Rechner. Das sind die Nutzer selbst. …

Was wir heute erleben, ist nur ein Vorgeschmack auf das, was droht.

Quelle: Doxing-Debatte: Einbruch ins externe Gehirn – Digital – Süddeutsche.de

Das Thema Datenklau, Doxing, Hackerangriff, generell Datensicherheit wird uns – da muss man kein Prophet sein – weiter beschäftigen. Katharina fordert Datensparsamkeit:

Die Digitalisierung klug zu gestalten, bedeutet auch, Datensparsamkeit statt Sammelwut zum Leitbild zu machen. Das gilt nicht nur für die Wirtschaft. Man stelle sich vor, die Vorratsdaten von Millionen Bürgern wären online einsehbar. Oder eine Sicherheitslücke bei der elektronischen Patientenakte würde Krankengeschichten ins Netz spülen. Bei vielen staatlich verordneten Datensammlungen wird bisher so getan, als könne man Sicherheit garantieren. Das ist ein gefährlicher Trugschluss. Sicherheit in der IT ist nur ein vorübergehender Zustand. Das muss auch der Staat verinnerlichen.

Quelle: Doxing-Debatte: Einbruch ins externe Gehirn – Digital – Süddeutsche.de

Beim Thema elektronische Patientenakte horche ich wieder auf. Ich habe mich ja als Patient hier und auf Twitter dazu geäußert. Ist dann der Umkehrschluss von „Es gibt keine garantierte Sicherheit„, wir können keine Patientenakte einführen, die aus meiner naiven Sicht als betroffener Patient dringend notwendig wäre?

Oder muss es nicht stattdessen heissen, „Ich mache die Patientenakte* so sicher wie irgend möglich„?

Auch eine direkte Frage an Katharina Nocun, denn es gibt nicht immer nur um Datensammelwut, wie sie später postuliert:

Es braucht keinen Staat, der in puncto Datensammlung Facebook Konkurrenz macht. Es braucht einen Staat, der zur digitalen Selbstverteidigung ermutigt, …

Quelle: Doxing-Debatte: Einbruch ins externe Gehirn – Digital – Süddeutsche.de

Berechtigte Sorge um Datensicherheit, Privatsphäre und Datenschutz können nicht heissen, dass gleich Anwendungen, in den Daten nun mal benötigt werden, sofort verdammt und abgelehnt werden.

(Stefan Pfeiffer)

* Man ersetze Patientenakte durch andere „sinnvolle“ Anwendungen, die private Daten benötigen.

Ergebnisse der Darmstädter Bürgerumfrage 2018: Verkehrsthemen domininieren – Bewusstsein für Digitale Patientenakte nur gering

9. Dezember 2018 Posted by Stefan Pfeiffer

In Darmstadt wurde auch 2018 wieder eine repräsentative Bürgerumfrage zur Lebensqualität in Darmstadt durchgeführt, deren Ergebnisse jetzt vorliegen. 32,8 Prozent der 9.645 angeschriebenen Bürger haben geantwortet. Digitalisierung ist ja eines meiner Steckenpferde und Hauptinteressen. Deshalb habe ich mir die entsprechenden Ergebnisse zuerst angeschaut. Immerhin 63,4 Prozent wussten von der „Digitalstadt“ Darmstadt. Mit Frage #16 geht man anscheinend etwas tiefer:

Buergerumfrage_2018_pdf__Seite_10_von_20_
Auszug/Screenshot aus dem PDF Bürgerumfrage 2018

Und die Priorität der Darmstädter liegen zuerst auf der IT-Infrastruktur mit einem schnellen Internet. Das sollten sich mal die Vertreter anschauen, die kein 5G und kein Breitband an jeder Milchkanne wollen. Einfach ein schnelles Netz zu haben, ist unterdessen ein Grundbedürfnis nicht nur in Darmstadt, sondern sicher auch gerade in ländlichen Regionen.

Dahinter bewerten die Darmstädter fast gleichauf die Digitalisierung in Bildung sowie Schulen und einer flüssigen Verkehrsführung als sehr wichtig gefolgt von der Digitalisierung in der öffentlichen Verwaltung.

Vermeintlich abgeschlagen ist das Thema Digitale Patientenakte, worauf die Frankfurter Rundschau, das Echo und auch andere Medien gleich hinein interpretieren. dass die Antwortenden der Einführung der digitalen Patientenkarte gegenüber offensichtlich skeptisch gegenüber stehen. Hier wird meiner Ansicht nach einfach blind zitiert und spekuliert. Meine Interpretation zur Digitalisierung des Gesundheitswesens als jemand, der im vergangenen Jahr sehr oft bei Ärzten und in Krankenhäusern weilen musste, ist eine andere: Die Bürger/innen müssen deutlich besser über die Notwendigkeit einer solchen Akte, die natürlich entsprechend sicher sein muss, aufgeklärt werden.

Wer einmal erlebt hat, dass die Ärzte nicht den notwendigen Zugriff auf wichtige Untersuchungsergebnisse haben, dass Befunde per Fax und Röntgenbilder oder CT-Bilder per CD verschickt werden, kann eigentlich nur für eine solche Patientenakte sein. Nochmals: Natürlich muss die Datensicherheit und die Datenhoheit – ich als Patient gebe die Daten bewusst für „meine“ Ärzte oder einen Arzt frei – gewährleistet sein. Also erhöhte Vorsicht bei einer vorschnellen Interpretation speziell dieses Umfrageergebnisses.

Und hier noch eine generelle Übersicht, wie die Darmstädter/innen Themen priorisieren. Verkehrsthemen dominieren deutlich mit Fahrradwegen an Position 1. Nur der Wohnungsmarkt schiebt sich dazwischen. Erst weiter hinten kommen andere Aspekte wie weniger Kriminalität, Kindergartenplätze oder Schulbausanierung.

Buergerumfrage_2018_pdf__Seite_18_von_20_.png

Ach ja, insgesamt sind die Darmstädter/innen zufrieden mit dem Wohnort Darmstadt (36,1 Prozent sehr zufrieden, 58,5 Prozent zufrieden) und stimmen in der deutlichen Mehrzahl einer hohen Lebensqualität in Darmstadt zu (23,8 Prozent stimmen zu, 56,6 Prozent eher zu).

Wer sich für die durchaus interessanten einzelnen Aspekte der Befragung von Einkaufsverhalten, Einzelhandel zu Ärzteversorgung über das beliebteste Kulturangebot bis zum „besten“ Schwimmbad interessiert, der kann das PDF hier downloaden:

  • PDF-Download: Grundauswertung – Bürgerumfrage zur Lebensqualität in der Wissenschaftsstadt Darmstadt 2018

(Stefan Pfeiffer)

 

Statt Befunde per Fax und Röntgenbilder per CD – Kommt endlich die elektronische Patientenakte?

17. Oktober 2018 Posted by Stefan Pfeiffer

Beim Thema Elektronische Patientenakte scheint endlich Leben in die Bude zu kommen. Wie das Handelsblatt berichtet, gibt es eine Absichtserklärung zwischen Krankenkassen, Ärzten und dem Ministerium. Die Lösung soll wohl allen gesetzlich Versicherten bis spätestens 2021 zur Verfügung gestellt werden. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) habe wohl Druck gemacht, dass sein Ministerium die Aufgabe an sich ziehen werde, sollten sich die Beteiligten nicht endlich einigen.

Seit 2004 – so heise – seien 2,7 Milliarden Euro investiert worden, der Aufbau einer Infrastruktur zum Abgleich von Patientendaten zwischen Ärzten, Krankenhäusern und Krankenkassen habe sich aber immer wieder verzögert.

In die Akte sollen neben Arztbefunden und Röntgenbildern auch kassenspezifische Informationen wie etwa zu Bonusprogrammen einfließen. Die Akte soll außerdem einen eigenen Bereich für Versicherte enthalten. Dort können sie beispielsweise Daten sammeln, die von Fitness-Trackern aufgezeichnet wurden.

über Elektronische Patientenakte: Einigung auf digitale Standards | heise online

Spahn fordert schnelle Ergebnisse und laut Bericht sollen Patienten spätestens ab 2021 auch per Smartphone und Tablet ihre Patientendaten einsehen können.

Auf der CEBIT 2018 haben wir uns im IBMLivestudio@CEBIT in einem Gespräch zwischen  Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender TK, und Matthias Hartmann, Chef der IBM Deutschland, auch mit dem Thema auseinandergesetzt. Die TK hat mit IBM bereits eine elektronische Gesundheitsakte entwickelt. Dr. Baas sagt im Interview:

„Ist es nicht besser, die Daten sind gesichert in einer Cloud, wo sie verschlüsselt sind und wo niemand dran kommt? Und wo nur (der Patient) Herr über diese Daten ist? Dann ist die Reaktion der Leute fast durchgängig positiv. Wir haben Versicherte befragt: Über 90 Prozent sagen: Das wäre eigentlich prima, wenn ich so etwas hätte.“

Hier kann das gesamte Video angesehen werden. Informationen der TK zur elektronischen Gesundheitsakte gibt es hier.

Natürlich gibt es auch Bedenken der Sammlung und Nutzung der Patientendaten. Diese liegen vor allem im Bereich Datenschutz und Datenhoheit und in der Interessenlage von Pharmakonzernen, die natürlich auch großes Interesse an „Big Data“, den Patientendaten, haben.

Meine 2 Cents: Gerade aufgrund meiner Erfahrungen des vergangenen Jahres, begrüße ich den Aufbau einer solchen Akte mit transparentem Austausch von Daten zwischen Ärzten und Krankenhäusern, wobei natürlich ich als Patient entscheide, wem ich welche Daten freigebe. Es kann nicht sein, dass „meine“ Ärzte nicht einmal „meine“ Daten im Zugriff haben. Dass derzeit noch CDs mit Röntgenbildern oder Faxe mit Befunden verschickt werden, ist nicht nur nicht zeitgemäß, es ist auch nicht sicherer als eine vernünftige digitale Lösung. Hier lebt man in Deutschland noch in der Steinzeit. Aber nochmals, klar ist für mich jedoch: Die Datenhoheit muss beim Patienten liegen – und ganz sicher nicht bei Krankenkassen, Krankenhäusern oder gar Pharmakonzernen!

(Stefan Pfeiffer)