Posts Tagged: ‘Digitalisierung’

Das Warntag-Debakel, Deutschland kann nicht mehr Infrastruktur und Wein im Netz als Digitalthemen der Woche bei #9vor9

15. September 2020 Posted by Stefan Pfeiffer

Eigentlich sollte es heute flauschig werden bei #9vor9. Pünktlich zum Start miaute auch Kater Toni im Hintergrund, der aber dann von dem Lars seinem Thema vertrieben wurde. Lars hat uns mit dem Debakel rund um den Warntag 2020 die Laune verdorben. Wieder ein Zeichen, dass wir Deutschen digital noch nicht so im Griff haben, wie es sich heutzutage gehört. Sascha Lobo spricht gar vom Digital Fail State, in dem es genüge, wenn etwas einigermaßen funktioniert. Beim Warntag hat es nicht einmal einigermaßen funktioniert.

Deutschland kann nicht mehr Infrastruktur

Wenn ich mich so umschaue, scheinen wir Deutsche es nicht mehr mit Infrastrukturthemen zu haben. Weder die Infrastruktur für den Warntag funzt, noch bekommen wir einen vernünftigen Breitbandausbau oder eine E-Lade-Infrastruktur in gebotener Geschwindigkeit hin.

Ich hatte mir dann mein Flauschthema Wein zurechtgelegt. Wie steht es in der Weinbranche, bei Winzern und Weingütern denn so mit der Digitalisierung insbesondere im Vertrieb und Marketing? Mir scheint, so weit ist noch nicht her damit. Zumindest mal haben einige Weingüter oder auch Onlinehändler in Corona-Zeiten mit Online-Weinproben reagiert, die durchaus ein Publikum gefunden haben. In meinem Freundeskreis war die Lust darauf nicht vorhanden. Da will man doch lieber gemeinsam analog Wein probieren und trinken.

Wein online: Unübersichtliche Vielfalt und wo sind die vertrauenswürdigen Wein-Blogger …

Also dann im Schnelldurchgang durch die digitale Weinwelt: Auch hier gibt es große Onlinehändler, aber noch ist der Markt sehr vielfältig und divers. Nach meiner Wahrnehmung gibt es trotz einiger Branchenriesen wie Hawesko nicht den einen dominierenden Weinhändler im Netz. Und der kostenlose Tipp für den Biertrinker Lars, wenn er Wein kaufen will: Geh zu Deinem lokalen Weinhandel vor Ort und lass Dich dort beraten. Und wenn es schon der Supermarkt sein muss (eigentlich nicht der Ort, um Wein zu kaufen), dann kannst Du eine App wie Vivino nutzen, das Etikett abfotografieren und Dir die Bewertungen anschauen.

… die man auch noch versteht

Und wie sieht es mit Social Media und einer Wein-Blogosphere aus? Eher dünne. Auch in der Weinwelt scheinen mir die Mehrzahl der Weinblogs eingeschlafen oder eingestellt zu sein. Leuchtturmprojekte wie die Weinbesprechungen von Dirk Würtz – dem Sascha Lobo der digitalen Weinwelt – auf Stern.de existieren nicht mehr. Auf Twitter sind in Deutschland wenige Weinliebhaber wirklich aktiv. Das mag auf Instagram und Facebook anders sein. Doch fehlt es meiner Wahrnehmung nach an den vertrauenswürdigen Weinexperten, den Influencern, die jenseits kommerzieller Interessen und nicht zu weinseliger und blumiger Sprache auch mal den Laien Empfehlungen geben. Generell gelten auch in der Weinbranche die gleichen Regeln für Social Media und Onlinepräsenz, wie sie in der Technologiewelt und anderswo zu beobachten sind. Ich werde mich auf jeden Fall weiter mit dem Thema auseinandersetzen, das wohl eher keinen Widerhall auf einer Plattform wie LinkedIn findet, lieber Lars. Also bleibe ich hier in meinem privaten Blog.

Und auch hier nochmals der Hinweis auf VinVenture, ein Crowd Funding-Projekt für junge Winzer: „VinVenture – Abenteuer Wein versteht sich als Mitmach-Netzwerk, welches Weinenthusiasten, Profis und Winzer gleichermaßen zusammenbringt und dabei einen Blick hinter die Kulissen der Weinbereitung bietet.“

Last but not least: Kurz haben wir nochmals die mögliche „Technologiepartnerschaft“ zwischen Oracle und Bytedance bzw. Tiktok und das Scheitern von Microsoft gestreift. Schauen wir mal, wie es dort weiter geht.

Und natürlich gibt es #9vor9 auch wieder als Podcast auf den bekannten Plattformen und hier im Netz.

(Stefan Pfeiffer)

Die Digitale Souveränität Europas – Im Klammergriff zwischen China und den USA

27. August 2020 Posted by Stefan Pfeiffer

Schaut man sich das Gebaren von Herrn Trump auf der einen Seite und den Anspruch von China nach technologischer Führung auf der anderen Seite an, so kann man als Europäer nur besorgt sein. In Deutschland sind potentielle Kronjuwelen wie Kuka nach China verkauft worden und Knowhow und Arbeitsplätze wandern nun auch in das Reich der Mitte. Wie überraschend. Immerhin wollen die deutsche Bundesregierung und die EU jetzt wohl die Übernahme strategisch wichtiger deutscher Firmen aus dem EU-Ausland erschweren.

Lange war die chinesische Wirtschaft
für ihre Führerschaft im Kopieren
bekannt, jetzt ist der Anspruch ein
anderer: China will die Technologie-
führerschaft übernehmen.

Daniel Fiene im The
Pioneer Tech Briefing vom 5.8.2020

Spielt Europa im Bereich Technologie und Digitalisierung überhaupt noch eine nennenswerte Rolle oder zerfasern wir wieder in nationalstaatliche Soloaktivitäten, die eh zum Scheitern verurteilt sind?

Auf heise online bin ich auf einen Kommentar von Felix von Leitner* gestoßen, der wie viele andere Kenner der Szene mehr digitale Souveränität anmahnt. Er fordert konkretes Handeln in zwei Bereichen ein, der Chipproduktion und in der Unterstützung von Firefox als verbliebenem freien Browser, der durch die neue Programmiersprache namens Rust nun eine entsprechend sichere Architektur umsetzen wollte – bis jetzt aus finanziellen Gründen 250 Mitarbeiter entlassen wurden. Unterdessen haben die Entwickler der bei Mozilla entstandenen Programmiersprache Rust beteuert, dass die Entwicklung nicht durch die Entlassungen gefährdet sei. Trotzdem oder gerade deswegen sind die Forderungen von Felix erwähnens- und bedenkenswert:

Und wenn es die EU mit digitaler Souveränität ernst meint, müsste sie bei Hard- und Software handeln. Die beste Variante wäre, wenn sie eine 7-nm-Chipfertigung aufbaut, oder am besten gleich auf 5 nm gehen. …

Auf Softwareseite sähe ich unser Geld gerne in einer zweckgebundenen Spende an Mozilla investiert. … Wir haben schon mehrere Züge völlig ohne Not abfahren lassen. Wenn wir jetzt nicht aufspringen, ist auch der letzte Zug abgefahren, und Europa wird in Zukunft keine Rolle mehr spielen außer als Markt für Produkte aus dem Ausland. Das Ende von Verbrennungsmotoren ist seit Jahren absehbar. Das Ende von Chips und Webbrowsern nicht. Wir sollten auch entsprechend investieren.

Kommentar: Digitale Souveränität zum Schnäppchenpreis – von Europa und Mozilla | heise online

Tja, ich habe meine Zweifel, dass „die Politik“, die EU entsprechend handeln wird. Weder bei den Chips, noch bei Firefox. Dabei wäre pragmatisches Handeln sehr wohl und sehr schnell wie im Falle Firefox und Mozilla möglich, doch dies ist nicht so öffentlichkeitswirksam wie Prestigeprojekte wie Gaia-X. Die Bundesregierung, die Ländern und die EU schaffen es einfach nicht, beispielsweise die öffentlichen Verwaltungen auf Firefox zu standardisieren oder sich hinter ein Projekt wie Libre Office – und damit Open Source – zu stellen. Wäre vergleichsweise einfach, ist aber nicht spektakulär und man kann sich sehr simpel mit der föderalen Struktur Deutschlands und Europas raus reden.

Der gesamte Beitrag von Felix von Leitner sei ebenso empfohlen wie der erhellende Beitrag und auch der Podcast von Daniel Fiene zu Chinas Anspruch auf Technologieführerschaft.

Die vorgegebenen Rahmenbedingungen der Planwirtschaft sind technologischer geworden. Danach richtet sich die ganze Wirtschaft. Chinas Anspruch ist Weltmarktführer in den Bereichen Silicon Chips, Künstliche Intelligenz, Quantum Computing oder beim neuen Wunderstoff Graphen zu werden.

Dr. Robin Tech zitiert nach The Pioneer Tech Briefing vom 5.8.2020

* heise online bezeichnet Felix von Leitner als Hacker alter Schule. Wikipedia bezeichnet ihn als deutschen IT-Sicherheitsexperten und IT-Unternehmers, Spitzname Fefe

** Die etwas andere Chipfertigung im Bild von Marcelo Kato auf Pixabay

Quizfrage: Welcher amerikanische IT-Konzern hat seit Jahren beste Beziehungen nach China – Digitalthemen der Woche bei #9vor9

25. August 2020 Posted by Stefan Pfeiffer

Unsere Digitalthemen heute bei #9vor9: Bundespräsident Franz-Walter Steinmeier ist Schirmherr des Projektes „Ethik der Digitalisierung“, in dessem Rahmen in den kommenden zwei Jahren konkrete Handlungsempfehlungen für die Digitalpolitik ausgearbeitet werden sollen. Und natürlich kommen wir in diesen Zeiten nicht um die Executive Order von Trump bezüglich Tiktok, um den digitalen Streit zwischen den USA und China herum.

Doch weder Lars noch ich konnten das wirkliche Interesse erkennen, das eine Oracle oder eben eine Microsoft an einer Übernahme des Amerika-Geschäfts von Tiktok haben könnten. Geht es den beiden wirklich darum, die eigenen Cloud-Nutzerzahlen nach oben zu treiben, wie es Techcrunch vermutet, die Holger Mueller von Constellation Research entsprechend zitieren

TikTok will add plenty of load to their infrastructure service. That’s what matters to them with viral loads preferred. If Microsoft gets TikTok it could boost their usage by between 2% and 5%, while for Oracle it could be as much 10%.

Just what would an enterprise company like Microsoft or Oracle do with TikTok? | TechCrunch

Eine interessante Randnotiz: Welches Unternehmen pflegt seit vielen Jahren beste und enge Beziehungen nach China? Lars wusste es nicht. Ich wusste es auch nicht, bis ich einen entsprechenden Bericht in der FAZ (hinter Paywall) gelesen habe. Es ist Microsoft, das bereits 1998 ein Research Lab in China eröffnete. Bill Gates war hier wohl die treibende Kraft:

Als Gates sein Pekinger Lab mit allerhöchsten politischen Weihen vor mehr als zwanzig Jahren eröffnet hatte, gab es für Chinas Software- und Computerwissenschaftler nur zwei Wege zu einer vielversprechenden Karriere: Entweder man war in Peking für Microsoft tätig, oder man ging ins Ausland. Viele gingen, die meisten blieben und bauten eine erfolgreiche IT-Industrie und Internetwirtschaft auf.

Tiktok-Deal: Welche Privilegien Microsoft in China genießt

Vielleicht helfen ja jetzt die guten Beziehungen? Auch wenn sich gerade Bill Gates sehr kritisch zu einer möglichen Übernahme des US-Geschäfts von Tiktok durch Microsoft geäußert hat.

Kurz erwähnt haben sei noch die Auseinandertsetzung zwischen den Fortnite-Machern und insbesondere Apple. Mehr hier in der #heiseshow. Es wird spannend sein, wie es dort weiter geht.

Dann bis kommende Woche.

Homeoffice Allerlei: Unaufhaltsam? Größter Management-Fehler 2020? Unabsehbarer Veränderer von Manhattan und anderen Bürozentren?

18. August 2020 Posted by Stefan Pfeiffer

Und wieder sind eine Reihe interessanter Studien und Artikel zum Thema Homeoffice und Remote Work erschienen. Salesforce hat 3.500 Personen weltweit befragt und ZDNet berichtet über die Studie unter der treffenden Überschrift „The future of work is hybrid: Work from home and the workplace„. Und diese Grafik unterstreicht die Überschrift:

Und hier noch die Ergebnisse, was Arbeitgeber tun können, damit sich Büroarbeiter, Angestellte im Handel und in der Fertigung sicherer bei ihrer Rückkehr an den Arbeitsplatz fühlen:

Die Ergebnisse kann man übrigens hier selber filtern, zum Beispiel nach Region.

Schließlich gibt es die Ergebnisse einer gemeinsam Befragung und Studie des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO und der Deutschen Gesellschaft für Personalführung e.V. (DGFP) zu virtueller Arbeitsformen in der Corona-Pandemie. 500 Unternehmen haben teilgenommen. Hier kann die Studie heruntergeladen werden.

Tenor: „Corona treibt die Digitalisierung„, wie die FAZ zur Studie titelt. Nun ja, aus meiner Sicht sind Homeoffice und die verstärkte Nutzung von Tools zur digitalen Zusammenarbeit und Kommunikation nur ein kleiner Ausschnitt von Digitalisierung. Digitalisierung geht deutlich über den Themenkomplex Remote Work und Homeoffice hinaus und kann, muss vielleicht sogar Kernprozesse der Unternehmen betreffen. Also wäre wohl die korrektere Überschrift, dass Corona Homeoffice und virtuelles Arbeiten in Deutschland voran gebracht hat.

Wird mehr Homeoffice bleiben? Hoffentlich

Es gibt auch kritischer Stimmen zur Studie, die die FAZ zitiert. Sie habe zu großen Fokus auf Dienstleistungsunternehmen und zeichnet demnach ein zu rosiges Bild bezüglich der Unternehmen, die Homeoffice einsetzen. Aber auch das ifo Institut geht davon aus, dass mehr Homeoffice bleiben wird, Knapp über die Hälfte (54 Prozent) der Unternehmen in Deutschland wollen Homeoffice demnach dauerhaft stärker etablieren.

„Das ›New Normal‹ oder auch das ›New Different‹ wird in einem deutlich höheren Maß von einem Nebeneinander virtueller und im Büro stattfindenden Arbeits- und Kooperationsformen gekennzeichnet sein,“ so Studienleiterin Josephine Hofmann laut IAO Pressemitteilung. Da sind wir dann wieder bei der neuen hybriden Arbeitswelt. Lesenswert ist auf jeden Fall das Kapitel 5 der Studie, da dort einige Hinweise gegeben werden, was wichtigsten Schritte für Unternehmen sein sollten, um das »New Normal« zu gestalten.

Sind heutige Büros wirklich so toll, lieber Thomas?

Der geschätzte Thomas Knüwer kritisiert den Trend zum Homeoffice als den größten Management-Fehler 2020. Erwartungsgemäß kann ich seiner Argumentation und Perspektive nur bedingt folgen. „Sobald wir aber ohne Hygienepläne arbeiten können, sollten Arbeitgeber ihre Mitarbeiter nicht ins Home Office drängen – sondern sie dort herausreißen, zusammenführen und die Gemeinschaft feiern, statt ihre Büros in anonyme Operationssäle zu verwenden.“, schreibt er. Schöne alte oder neue Welt der Gemeinsamkeit, des sozialen Treffpunkts, der Integration und Sozialisierung neuer Mitarbeiter und einer intakten Unternehmenskultur. Na ja, die Realität vieler deutscher Bürolandschaften sieht anders aus und schon heute gibt es genug Großraumbüros mit freier Wahl des Arbeitsplatzes.

Und um es nochmals klar zu schreiben: Ich bin ein Freund davon, ins Büro zu fahren, wenn ich dort Kolleginnen und Kollegen treffe, mit denen ich an Projekten zusammenarbeite oder aber auch nur auf einen Kaffee oder zum Mittagessensplausch treffen will. Und wenn wirklich gemeinsam produktiv gedacht wird, machen auch Meetings und Workshops im Büro Sinn. Keinen Sinn macht es dagegen für mich, wenn die Kolleginnen und Kollegen eh den ganzen Tag mit Kopfhörer in Telefon- und Videokonferenzen vor dem Bildschirm hocken oder man sich um die wenigen Quiet Rooms kloppen muss. Denn, lieber Thomas, die von Dir so rosa gemalten verspielten, individualisierbaren Büros „mit ungewöhnlichen Konferenzräumen, hochwertigen Kantinen, schönen Kaffeeecken und Fitnesstudios im Haus“ gibt es meiner Wahrnehmung nach nur in den wenigsten Unternehmen. Vielleicht erleben wir ja nach der Krise einen Trend, Büros genau dahin zu entwickeln, zu Treffpunkten der Zusammenarbeit und Kommunikation. Da simmer dabei, das wäre prima …

Gunnar Sohn hat am 17. August ein Gespräch mit Thomas, Winfried Felser und Dr. Josephine Hoffmann vom Forscherteam des Fraunhofer IAO zum besagten größten Management-Fehler geführt. Hab ich leider wegen paralleler Termine verpasst. Hier kann man den Talk aber „nachgucken“.

Wie der Trend zum Homeoffice Manhattan und andere Bürozentren massiv umkrempeln wird

Und noch ein geschätzter Beobachter der digitalen Szene und Digitalisierung in Deutschland, Sascha Lobo, hat sich auch zum Thema Homeoffice geäußert und das im letzten Podcast der Zeit-Serie Wird das was, die jetzt eingestellt wird. Überraschend in Zeiten, wo Podcasts boomen, aber das ist ein anderes Thema. Im Podcast gibt es eine Tour d’Horizon der Digitalisierung in Deutschland mit den Chancen und Verfehlungen. Er nimmt auch das Thema Veränderung der Arbeitswelt, Homeoffice und die potentielle Veränderung der Innenstädte ab ca 1:04 aufs Korn. Hörenswert, wie er den Einfluss von Homeoffice beschreibt, wie beispielsweise Manhattan sich ändern könnte, weil viele Banker nun von daheim arbeiten werden. Das reicht von weniger Bankern in die Fitnessstudios bis zu vielleicht fallenden Immobilienpreisen in den Zentren. First we take Manhattan, than we take …

Ich bin auf jeden Fall auf sein Kapitel zum Thema Corona gespannt, das er der Paperback-Version seines Buches „Realitätsschock“ neu hinzufügen will. Und ich hoffe, dass das neue Kapitel dann auch in die Hörbuchversion einfließen wird.

Und noch ein bisschen was aus meiner Twitter-Timeline zum Thema Homeoffice

(Stefan Pfeiffer)

GAFAM: „Corona-Krise macht die digitalen Riesen noch riesiger“

22. Juni 2020 Posted by Stefan Pfeiffer

Er – Gabor Steingart – liebt die pointierten Formulierungen, oft auch die überpointierten, wie ich ja hier auch schon kritisiert habe. Doch ist etwas Wahres an der Aussage dran, dass wir die Vergangenheit bewahren statt in die Zukunft zu investieren?

Unter den 20 größten Digitalunternehmen gibt es kein europäisches Unternehmen – und dabei wird es auch bleiben. Deutschland rettet derzeit mit Billionensummen seine Vergangenheit. Die Große Koalition baut das teuerste Industriemuseum der Welt.

US-Technologiebörse: Stunde der Gewinner- Morning Briefing vom 11. Juni 2020

Das Risiko, „alte Industrien“ zu subventionieren, ist sicherlich enorm hoch. Und der Druck ist enorm hoch, gerade auf die Parteien der großen Koalition. Man höre sich gerade das Gezetere der Gewerkschaften (!!!) gegen die SPD an, dass eben nicht Benzin- und Dieselfahrzeuge subventioniert werden. Es wird ein harter Kampf, in die Zukunft zu investieren, dort Arbeitsplätze zu schaffen, statt die Vergangenheit zu zementieren mit der trügerischen Hoffnung, dort Arbeitsplätze zu bewahren. Doch einmal wieder schießt Steingart über das Ziel hinaus. Beispielsweise die Investitionen in Wasserstofftechnologien oder eben auch die Kaufprämie für E-Autos sind durchaus zukunftsgerichtet. Ja, wir brauchen noch mehr davon und müssen die Verteilung von Subventionen im Blick haben.

Doch eigentlich ging es in dem entsprechenden Absatz um die immer größere werdende Macht und den immer höheren Wert von Google (= Alphabet), Amazon, Facebook, Apple und Microsoft, um die Dominanz der US-amerikanischen GAFAM-Konzerne, die jetzt in und nach der Krise noch größer werden könnte.

Die Corona-Krise macht die digitalen Riesen noch riesiger und beschleunigt die Schrumpfung traditioneller Geschäftsmodelle. Virtuelle Realitäten, autonomes Fahren und ein auf Daten basiertes Gesundheitssystem sind die Wachstumsfelder der Zukunft.

US-Technologiebörse: Stunde der Gewinner- Morning Briefing vom 11. Juni 2020

In dieses Horn stößt auch das Handelsblatt in einem lesenswerten Essay von Sebastian Matthes vom 3. Juni 2020:

Für die großen amerikanischen Tech-Konzerne Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft, die GAFAM-Firmen, ist die Virus-Pandemie auch eine Erschütterung – nur anders als anderswo eine positive.

Die großen US-Techkonzerne betreiben digitalen Kolonialismus

Sie sind die Profiteure der Krise und bekommen noch mehr Einfluss, scheint es. Der Beitrag schlüsselt auf, wie Amazon, Apple & Co in den Unterhaltungs- und Videomarkt vordringen. Und natürlich werden auch die Ambitionen im Gesundheitswesen behandelt. Die Corona-Warn-App zeigt, wie dominant Apple und Google sind. Sie beherrschen den Markt für Smartphones und Apple zeigt mit der Watch, was am Armband alles gehen könnte (Disclaimer: Ich bin ein Fan der Apple Watch). Apple will vor allem (noch?) Geräte verkaufen, Google Werbung und Amazon scheint das Ziel zu haben, Medikamente an Frau und Mann zu bringen. Mit Alexa hat der Bezos-Konzern schließlich noch eine Joker im Smart Home im Ärmel.

Mit dem Einstieg ins Gesundheitswesen schließen die Konzerne auch eine letzte große Datenlücke. Denn die Gesundheitsinformationen ihrer Nutzer werden in vielen Ländern immer noch per Papierakte und allenfalls Fax weiterverarbeitet.

Die großen US-Techkonzerne betreiben digitalen Kolonialismus

Nicht nur in Deutschland, auch bei Google, wird mit der elektronischen Gesundheitsakte experimentiert und die elektronische Patientenakte eingeführt. Sinnigerweise habe ich gerade dazu allerdings unter rein deutscher Perspektive losgelöst von dem Ambitionen besagter Konzerne ein Gespräch mit meinem Kollegen Ronald Fritz von der IBM geführt, das wir bald veröffentlichen werden. Dort haben wir auch das Thema Eigentumsrecht an den Daten behandelt, das eindeutig bei den Benutzern liegen muss. Sebastian Matthes schlägt vor, die Daten mit einem Preisschild zu versehen – und die Konzerne dafür zahlen zu lassen. Steile These, die wir auch mal bei #9vor9 diskutieren könnten. Und wie so viele andere Kommentaren taucht natürlich auch bei Matthes die Forderung nach Regulierung und potentieller Aufspaltung der Konzerne auf.

Noch einige knackige Zitate aus beiden erwähnten Beiträgen:

Der Konzern ist im Internet so etwas wie die Bank im Kasino: Alle spielen – aber am Ende gewinnt immer #Amazon. | @SMatthes im @Handelsblatt

Die Coronakrise hat eine Art Zwangsdigitalisierung des Alltags ausgelöst. Die Menschen nutzen so viele digitale Angebote der Tech-Riesen wie nie zuvor. | @SMatthes im @Handelsblatt

Die Welt erlebt soeben zwei Jahre digitale Transformation komprimiert auf zwei Monate. | @satyanadella zitiert nach Gabor Steingarts Morning Briefing

(Stefan Pfeiffer)

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

„Was ist das digitale Vermächtnis der Corona-Krise?“ fragt der Bitkom und fordert Digitalpakt

25. Mai 2020 Posted by Stefan Pfeiffer

Wie kommen wir wirtschaftlich aus der Corona-Krise heraus? Diese Frage tritt neben der Eindämmung der Pandemie immer mehr in den Vordergrund. Der Digitalverband Bitkom hat Anfang Mai einen Digitalpakt Deutschland vorgeschlagen, „der konjunkturelle Maßnahmen mit einer echten Transformationsagenda“ verknüpfen soll. „Was haben wir in der Krise gelernt, was ist das digitale Vermächtnis der Corona-Krise,“ fragt der Bitkom und schlägt einen (kurzfristig) 15 Milliarden schweren Maßnahmenkatalog vor.

So soll – das muss ich angesichts der aktuellen Diskussion vorn an stellen – einen einmaligen Homeoffice-Bonus vor:

In der Krise haben Homeoffice und mobiles Arbeiten vielen Organisationen sehr geholfen. Damit die Arbeitsbedingungen im Homeoffice wirklich zum Bedarf passen, sollten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer für das Jahr 2020 einen einmaligen Steuerbonus für die Anschaffung von ITK-Infrastruktur erhalten.

Digitalpakt Deutschland | Bitkom e.V.

Daneben soll unter dem Motto Modernisierungsprämie statt Abwrackprämie ein Digitalgutschein Anreize für Unternehmen schaffen, „neue Technologien gezielt in der Praxis auszurollen oder alte, analoge Prozesse zu ersetzen“. Auch – und richtigerweise – werden auch eine Verwaltungsmodernisierung, Schultransformation und ein Ausbau der Infrastruktur gefordert. Doch Breitband an jeder Milchkanne?

Ziel der Konzertierten Aktion zur Verwaltungsmodernisierung ist deshalb, dass alle staatlichen Leistungen künftig schnell digital beantragt werden können – ohne jeglichen Medienbruch.

Digitalpakt Deutschland | Bitkom e.V.

Klar, der Bitkom ist der Interessenverband für 2.700 Unternehmen der digitalen Wirtschaft. Doch das muss ja nicht heißen, dass einige der vorgeschlagenen Maßnahmen nicht sinnvoll sein können.

Achim Berg, der Präsident des Bitkom, hat sich im The Pioneer Tech Briefing gegenüber Dr. Robin Tech, dem Gründer der Market Intelligence Software Delphai, auch zur Bedeutung von Covid-19 als möglichem Wendepunkt der Digitalisierung in Deutschland geäußert:

COVID-19 ist eine Tragödie, hat aber ein Brennglas auf den Stand der Digitalisierung gelegt. Wir werden in wenigen Jahr auf 2020 zurückschauen und sagen: Das Jahr war der digitale Wendepunkt. Wir haben uns wieder digitale Souveränität erarbeitet. Die deutsche Wirtschaft hat sich aus dem unteren Mittelfeld befreit und den Anschluss an andere Länder geholt.”

Tech Briefing: Achim Berg, ist COVID-19 wirklich ein Digitalisierungs-Katalysator für die Wirtschaft

Schauen wir mal, ob nach vorne gerichtet digitalisiert wird oder bestehende Strukturen mit Abwrackrpämien zementiert werden. Das Papier zum Digitalpakt kann hier heruntergeladen werden. Thema für #9vor9? Mal schauen.

(Stefan Pfeiffer)

Bild von Alexas_Fotos auf Pixabay

Digitalthemen bei #9vor9: Ist der Einzelhandel wirklich schon so digital? Und von journalistscher Nabelschau statt stilsicherer Sorgfalt und Etikette

20. Mai 2020 Posted by Stefan Pfeiffer

Ich gebe zu, dass es mir gar nicht so aufgefallen ist: die „No Hyperlink“-Politik, die wohl das journalistische Projekt bzw. die einzelnen Projekte von The Pioneer (wie das Morning Briefing oder das Tech Briefing) praktizieren. Lars Basche hat uns heute bei #9vor9 darauf aufmerksam gemacht. Geht eigentlich gar nicht. Geht vor allem nicht, wenn man die vollmundigen Ankündigungen von Gabor Steingart über neuen Journalismus liest.

In meiner journalistischen Ausbildung habe ich immer gelernt, Quelle mindestens zweimal zu prüfen (bzw. die Fakten) und diese auch zu benennen. Im „Netz“ habe ich gelernt, dass man zu seinen Quellen verlinkt. Zu all diesen Praktiken stehe ich auch weiterhin voll und ganz und praktiziere es auch (hoffentlich immer).

Was mir dieser Tage im Morning Briefing sauer aufgestoßen ist, ist die Beschimpfung und Herabwürdigung von Saskia Esken als „bedürftig“. Auch das geht aus meiner Sicht gar nicht. Bei aller kontroversen sachlichen Diskussion und bei aller Lust an Formulierungen sollte immer der Respekt vor anderen im Gedächtnis bleiben. Und dementsprechend gilt es auch zu schreiben und zu sprechen. Dabei kann jedem von uns etwas heraus rutschen, was nicht korrekt ist. Dann gilt es aber auch den Mut und Anstand zu haben, sich zu entschuldigen.

Wir drei von #9vor9, Gunnar, Lars und ich, hatten den Eindruck, dass bei ThePioneer unterdessen die Selbstinszenierung und -beweihräucherung von Gabor Steingart ein nahezu unerträgliches Maß einnimmt. Ein Fegefeuer der Eitelkeiten auf der einen Seite. Bewusste Provokation auf der anderen Seite, um Aufmerksamkeit zu erzielen. Schade, das Vorgehen erinnert frappierend an Boulevard-Blätter, die wir alle kennen. Und besonders schade, weil ich das Projekt an und für sich für sehr interessant halte.

Eingestiegen sind wir allerdings mit dem Tech Briefing vom 15. Mai von Daniel Fiene, der eine Bitkom-Studie behandelt, die ein wesentlich digitaleres Bild des deutschen Einzelhandels zeichnet als das, dass wir wahrnehmen. Ich hatte im vorhergehenden #9vor9 ja auf die nicht so berauschenden Erfahrungen in Darmstadt verwiesen. Wir alle sahen hier noch viel Nachholbedarf, gerade auch auf regionaler und lokaler Ebene, wo Plattformen gerade für den Einzelhandel eine wichtige Möglichkeit bieten könnte, beispielsweise in einer gemeinsamen Auslieferung von waren.

Und losgelöst von unseren Werbeblocks: Gunnar stellt noch ein Projekt vor, bei dem Stellenanzeigen als Indikator für die Konjunkturpolitik benutzt werden. Und apropos Stellenanzeigen: einen Ausblick auf die nächste Sendung gibt es auch noch.

Und brav noch einige Links mit dem von Gunnar erwähnten Projekt:

Und das Livestudio als Podcast findet Ihr beispielsweise hier bei Apple (aber natürlich auch bei Deezer, Spotify oder Google).

Kurz notiert: Technische Inkompatibiliät wo man hinschaut, im Großen, wie im Kleinen: #LTE #Mesh

8. Mai 2020 Posted by Stefan Pfeiffer

So von wegen kompatible Technologien. Manche Dinge ändern sich nicht. Telekom-Deutschland-Chef Dork Wössner im Interview mit der FAZ:

Aber für die insgesamt rund 2000 LTE-Standorte, die wir bis Ende dieses Jahres neu bauen wollen, brauchen wir auch Huawei. Leider können Technologien unterschiedlicher Hersteller heute noch nicht miteinander kombiniert werden. Konkret: In einem Gebiet mit Huawei-Antennen kann man keine Ericsson-Technologie dazwischenbauen und umgekehrt auch nicht. Ohne Huawei können wir Funklöcher nicht schnell schließen.

Telekom: „Ohne Huawei bleiben Funklöcher“

Und ich muss an meine kürzlichen Erfahrungen mit den kompatiblen Mesh-Technologien von AVM und der Telekom denken. Die Telekom Magenta TV-Box habe ich zurück geschickt, da sie instabil lief und mir keine wahrnehmbaren Vorteile gegenüber meiner Kombination von AVM Fritzbox 7590, AVM Fritz Repeater 3000 und dem Telekom Media Receiver 401 Typ B bringt. War nix mit dem Maschendrahtzaun.

Irgendwie warte ich noch auf das Telekom-Erweckungserlebnis, das wohl Volker Weber vor einigen Wochen hatte. Da gab es wohl schnellere Leitung und günstigere Verträge. Wenn ich gerade die Mobilfunkkosten jeden Monat sehe … Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Die Telekom kann, wie fast alle anderen Mitbewerber, was lernen: Behandelt Eure Bestandskunden nicht schlechter als Eure Neukunden. Das ist hier ausnahmsweise gelungen, mit massiver Einflussnahme. Sowas muss automatisch funktionieren.

vowe dot net :: Frau Stengert von der Telekom hat einen Kunden gerettet

Wie geht es weiter mit der Wirtschaft? Wie geht es weiter mit der Digitalisierung gerade auch in Deutschland? #9vor9

5. Mai 2020 Posted by Stefan Pfeiffer

Wie geht es weiter mit der Wirtschaft? Wie geht es weiter mit der Digitalisierung gerade auch in Deutschland? Das stand im Fokus von #9vor9 am 5. Mai 2020:

Und unser Ökonom „Gunni“ Gunnar Sohn schaut nicht gerade optimistisch in die Zukunft und spricht dem Wettbewerbsökonomen Justus Haucap über die schwerste Weltwirtschaftskrise seit der Nachkriegszeit. Auch ich kann mich an mancher Stelle nicht des Eindrucks verwehren, dass gerade „die alten Strukturen“ jetzt um die Ecke kommen und nach Subventionen schreien.

Ich zitiere in meinem Beitrag Geht Deutschland digitaler aus der Krise heraus? Michael Kroker von der Wirtschaftswoche, Alexander Armbruster von der FAZ und Guido Mingels vom Spiegel.

Nicht mit Abwrackprämien den Status Quo zementieren

Doch da sollte man eben nicht einfach wieder abwracken prämieren, sondern entsprechende Unterstützung durch den Staat und im Endeffekt Steuerzahler mit Zielvorgaben wie eben digitaler Fortschritt oder auch Nachhaltigkeit verbinden. Und bevor geschrien wird: Es geht nicht um Digitalisierung der Digitalisierung wegen. Es geht darum dort zu digitalisieren, wo es einen Mehrwert, wo es Fortschritt bringt. Das Beispiel Medizin ist eines, das derzeit natürlich besonders gerne genannt wird, aber es gibt viele weitere Bereiche und Branchen.

Sicherlich sollte man jetzt gerade auch einen Blick auf die Plattformen wie Amazon und andere haben, die als Krisengewinnler aus diesen Zeiten heraus zugehen scheinen. Die Besteuerung dieser Plattformen ist sicher neben der schon oft bei #9vor9 diskutierten notwendigen, höheren europäischen Unabhängigkeit ein Thema, dass Politik und uns alle beschäftigen sollte.

Wie digital kompetent ist der „gemeine“ Manager?

Glaubt man der Selbstwahrnehmung der Manager, so müssten wir eigentlich optimistisch sein, dass wir gut der Krise heraus kommen, denn sie geben sich beim Thema Digitalkompetenz laut einer Befragung des Bitkom im Durchschnitt die Schulnote „gut“ (2,3). Ohne alle Manager über einen Kamm scheren zu wollen und zu können, haben nicht nur die drei von #9vor9 doch einen etwas anderen Eindruck. Digitalkompetenz heißt nicht, das neueste Handy zu besitzen. Auch stimmt die Aussage, dass 73 Prozent der Manager keine Zeit hätten, sich mit neuen Technologien zu befassen, eher nachdenklich. Und nimmt man beispielsweise den Durchdringungsgrad moderner Technologien zur Zusammenarbeit und Kommunikation in Unternehmen als Indiz, so sieht es eher düster aus in der Nutzung digitaler Technologien in Deutschland: Nur bei 45 Prozent von ihnen sind Collaborations-Tools bereits eingeführt oder entsprechende Projekte schon vor der Corona-Krise angelaufen.

Nerds in die Chefetagen!?

Unser Gunnar hat sogar vor geraumer Zeit (2015) mehr Nerds in den Chefetagen gefordert, damit dort eben mehr Digitalkompetenz einzieht. Da bekommt der Kommentator der FAZ, Morten Freidel, sicherlich Schnappatmung. Der schreibt nämlich von der Nerd-Republik, von politischen Aktivisten, vor denen die Bundesregierung beispielsweise beim Thema COVID-19-App eingeknickt sei. Wie unterschiedlich Wahrnehmungen doch sein können.

Mein vielleicht frommer Wunsch angesichts der düsteren Prognose von Gunnar: Gehen wir anpackend-optimistisch in die Zukunft. Eine andere Wahl haben wir nicht.

(Stefan Pfeiffer)

Geht Deutschland digitaler aus der Krise heraus? Schön wäre es, aber …

4. Mai 2020 Posted by Stefan Pfeiffer

Viele (sogenannte) Experten und Medien gehen davon aus, ja fordern, dass die derzeitige Krise dazu führt, dass sich die Digitalisierung beschleunigt, „dass die drastische digitale Druckbetankung größere Veränderungsbereitschaft anstößt„. So wurde auch eine DMEXCO Trendumfrage unter 800 Digitalentscheidern (527 aus der DACH-Region, 305 international) durchgeführt, die nach ihrer Einschätzung befragt wurden. Die aktuell gerade gebeutelte Digitalbranche ist mehrheitlich der Meinung, dass die Pandemie das Tempo der digitalen Transformation beschleunigen wird.

Digitaler Wandel: Corona und die Digitalisierung – DMEXCO

Und sicher geht das deutlich über die doch sehr werkzeugorientierten Fragen zu Kommunikations- und Kollaborationsplattform oder Videoconferencing hinaus. Ja, diese Werkzeuge werden wohl bleiben, werden weiterhin genutzt und es liegt noch enorm viel Potential in einer besseren Benutzbarkeit und Nutzung der Tools. Und manche Dienstreise mag eingespart werden, wenn es doch per Videokonferenz geht. Doch wie hat es Ole Wintermann formuliert: Es droht auch ein konservativer Backslash, oft getrieben durch diejenigen, die den Status Quo bewahren wollen. Das sieht man gerade auch an den Diskussionen rund um Heimarbeit und Remote Working. Deshalb wäre ja auch ein Recht auf Homeoffice, wie es Hubertus Heil fordert, meiner Ansicht nach durchaus sinnvoll.

Überraschung: Digitale Abläufe können etwas bringen …

Bemerkenswert auf der Metaebene ist, dass sich das Tempo der digitalen Transformation beschleunigt und der Nutzen plötzlich viele deutlicher hervortritt, wie es Michael Kroker schreibt:

Die Corona-Pandemie führt vielen Unternehmenschefs die Vorteile digitaler Abläufe und Arbeitsmethoden erstmals völlig ungefiltert vor Augen. Selbst Skeptiker erkennen jetzt den Nutzer neuer Tools und Technologien.

Krokers RAM: Die Coronakrise ist ein Katalysator für die Digitalisierung in Deutschland! | Kroker’s Look @ IT

Traurig, dass es dazu einer solchen Krise bedurft hat. Derzeit muss an vielerlei Stellen umgedacht werden, müssen neue Arbeitsweisen und Geschäftsmodelle umgesetzt werden, die viel stärker digitale Technologien nutzen. Wer sich nicht ändert, kommt in (noch) größere Probleme.

Es geht (auch lokal) digital mehr, als man denkt … wenn man es wirklich will

Es gibt bereits viele „kleine“, bemerkenswerte Beispiele, wie die Biohöfe und lokalen Buchhändler, die plötzlich einen Webshop haben und jetzt an die Haustür liefern. Und ich hoffe, dass es vielen kleinen Anbietern und dem Einzelhandel auch gelingt, sich mit entsprechenden Mehrwerten gegenüber den oft übermächtigen Wettbewerbern wie Amazon zu positionieren. Meine Frau hat es mir schon vor der Corona-Krise vorgemacht: Sie bestellt die Bücher bei der lokalen Buchhandlung, die sie jetzt in der Krise sogar an die Haustür liefert. Ich weiß, nicht überall kann das funktionieren, aber es geht auch lokal mehr, als man gemeinhin denkt. Wenn man es will und konsequent umsetzt.

Hoffentlich ist es auch ein Weckruf für und an diejenigen, die das Netz und damit einhergehende Digitalisierung bisher nicht als ernsthafte Plattform für ihr Geschäft ansehen. Nochmals Michael Kroker:

Firmen, die ihre Agilität durch digitale Transformation, durch die Automatisierung von Prozessen und durch das Ausschöpfen neuer digitaler Geschäftsmodelle bereits verbessert haben, werden die Krise besser meistern.

Krokers RAM: Die Coronakrise trennt bei den Unternehmen die Spreu vom Weizen! | Kroker’s Look @ IT

Arbeitsabläufe einfach mal ins Netz übertragen?

Sie werden die Krise aber nur dann meistern, wenn sie diese eigentlich lange bekannte Regel beherzigen:

Digitalisierung darf weiterhin nicht missverstanden werden als Aufgabe, althergebrachte Arbeitsabläufe einfach eins zu eins ins Internet zu übertragen – sonst ist die Gefahr groß, dass sie schlicht scheitert.

Technik macht widerstandsfähiger – auch gegen Pandemien – Alexander Armbruster in der FAZ

Im Bereich Medizin ist der Weckruf angesichts der Pandemie beispielsweise besonders deutlich zu vernehmen. Ob es nun die Sprechstunde per Videoanruf ist oder ob Wearables wie die Apple Watch zur Überwachung manchmal gar lebenswichtiger Werte eingesetzt werden und gar Leben retten (können), die Betreuung der Patienten wird sich verändern. Und bestehende Initiativen wie die elektronische Kranken- und Patientenakte dürften hoffentlich nicht nur in der Wahrnehmung einen Schub bekommen.

Vielleicht gelingt es ja doch noch, eine COVID-19-App einzuführen, die nicht „missbraucht“ wird. Und ja, nicht nur, aber gerade in solchen Einsatzgebieten ist das Thema Datenschutz und Datensicherheit ganz besonders wichtig, muss immer wieder kontrolliert und hinterfragt werden. Ich bin bei denjenigen, die wirkungsvollen Datenschutz nicht als Nachteil, sondern als Wettbewerbsvorteil ansehen.

Es geht nicht um Technologie: Es geht darum, Chancen pro Einsatzgebiet zu identifizieren

Genau wie in der Medizin muss man sich die Chancen der Digitalisierung spezifisch nach Branche und Einsatzgebiet ansehen und bewerten. Kontaktloses Bezahlen wird nun auch in Deutschland (endlich) viel normaler und wahrscheinlich viel akzeptierter. Die Blockchain-Technologie ist wieder da, besonders um Lieferketten nachvollziehbar zu machen. Das reicht vom Bedürfnis von immer mehr Konsumenten, zu wissen, wo ihre Lebensmittel herkommen, bis zur Nachvollziehbarkeit wichtiger, weltweiter Lieferketten in vielerlei Bereichen.

Kann es den europäischen Weg in der Digitalisierung geben?

Es gibt viele Branchen und Anwendungsgebiete, in denen jetzt Technologien eine wichtige Rolle spielen können und werden. Dabei sollte immer auch das Hirn eingeschaltet bleiben. Macht es betriebswirtschaftlich Sinn? Ist es sicher? Diese Diskussionen wird man führen müssen, ohne dabei zu viel Zeit zu verlieren. Es könnte durchaus einen eigenständigen europäischen Weg im Umgang mit Technologie zwischen dem chinesischen und amerikanischen Ansatz geben, wenn sich die Europäer zusammenreißen. Und bei allen visionären Ideen und Flugtaxen dürfen wir auch die ganz banale Infrastruktur nicht vergessen. Das Netz, die Bandbreite muss da sein. Auch wenn „das Netz“ überraschenderweise in dieser Krise doch ganz gut funktioniert hat, brauchen wir mehr Bandbreite in der Fläche bis zur letzten Milchkanne. Denn auch dort, an der Milchkanne wird digitalisiert werden. Experten gehen davon aus, dass gerade in der Landwirtschaft enorme Potentiale schlummern.

Kommt der Swingback? Auch im Willen zur Veränderung

Die Chancen sind da. Doch schließen möchte ich mit einem Zitat von Guido Mingels, der im Spiegel neun Thesen aufgestellt hat, was die Coronakrise für die Techindustrie bedeutet:

Trotz aller krisenbedingten Veränderungen sollte man nie die Beharrungskräfte des Status quo unterschätzen. Es ist auch möglich, dass sich durch die Coronakrise viel weniger verändern wird, als alle gerade mutmaßen, fürchten, hoffen …

Corona-Krise: Wie sich die Techindustrie jetzt verändert – DER SPIEGEL

Ich persönlich hoffe, dass wir alle wirklich die Chancen ergreifen, uns auf den angesprochenen europäischen Weg zwischen China und Amerika begeben. Eigentlich hat Europa, hat Deutschland keine Wahl. Eigentlich …

(Stefan Pfeiffer)

Der per Flugtaxi angereiste Chief Digital Officer knechtet sich selbst im alkoholgeschwängerten Homeoffice bei #9vor9?

21. April 2020 Posted by Stefan Pfeiffer

Der per Flugtaxi angereiste Chief Digital Officer knechtet sich selbst im alkoholgeschwängerten Homeoffice bei #9vor9? Nein, nicht wirklich, aber ein Versuch einige der Themen des heutigen Talks in die Überschrift zu packen.

Braucht es den Chief Digital Officer? Laut Bitkom-Umfrage bleibt der CDO ein Exot. Nur 19% aller Unternehmen ab 20 Mitarbeitern haben demnach einen CDO oder eine vergleichbare Position geschaffen. Die Runde und auch einige Zuschauer:innen waren sich einig: Egal, wie wir sie:ihn nennen, ob CIO oder CDO, es ist mehr eine Frage der eingeräumten Kompetenz. Interessant wird sicher zu beobachten sein, ob angesichts der Corona-Krise nun wirklich wie allenthalben kolportiert wird die Sensibilität für die Notwendigkeit der Digitalisierung gestiegen ist und vor allem auch entsprechend gehandelt wird.

Lars hat die Auseinandersetzung um die COVID-19-App auf die Agenda gesetzt. Im technischen und datenschutzrechtlichen Kern geht es um zentrale versus dezentrale Datenspeicherung. Der Social Media Watchblog hat das in seiner Ausgabe vom 21. April 2020 ebenso schön herausgearbeitet wie auch der Podcast zur Lage der Nation. Eines ist aber festzuhalten: Die App ist oder die Apps noch nicht da.

Wird man im Homeoffice zum Alkoholiker? Über dieser Schlagzeile des Handelsblatts hat sich Gunnar zu Recht aufgeregt. Plakativer, nein marktschreierischer geht es kaum noch. Blanke Effekthascherei statt sachlicher Diskussion.

Und schließlich habe ich noch die Beiträge von Claudia Tödtmann und Gunter Dück in den Ring geworfen, die beide vor der Pandemie über immer größere Arbeitsverdichtung geschrieben haben. Immer weniger Mitarbeiter müssen immer mehr leisten und werden auch entsprechend kontrolliert und geführt. Das kann es eigentlich nicht sein. Wenn man sich dann noch selbst knechtet, wie ich es genannt habe, wird die Situation noch kritischer. Nehmen wir jetzt noch die potentielle Selbstknechtung im Homeoffice hinzu (es gibt Studien, dass man daheim noch mehr arbeitet), dann eskaliert die Situation fast. Hier muss man sicherlich ein Auge darauf haben, anders, humaner führen und sich auch selbst an die Kandare nehmen, um nicht in den Burnout zu laufen.

Und nachdem wir noch den Rücktritt der bisherigen SAP-Co-Chefin Jennifer Morgan kommentiert haben, die nach nur sechs Monaten an der Spitze den Job aufgibt oder aufgeben muss, sind wir drei im Flugtaxi – natürlich ökologisch korrekt elektrogetrieben – in den Weiten des Internets entschwunden, wo zwei Drittel der Inhalte eh nicht wahrgenommen werden.

(Stefan Pfeiffer)

Von Arbeitsverdichtung, Selbstknechtung und unvermeidlicher Digitalisierung

20. April 2020 Posted by Stefan Pfeiffer

Der Artikel von Claudia Tödtmann zu immer mehr Arbeit für immer weniger Mitarbeiter ist schon ewige Zeiten im einem Browser-Tab offen.

Und wie begegnen die Manager dem stillen Stöhnen der Mitarbeiter? Wie werden sie dem Arbeitsschutz gerecht? Pustekuchen! Fürsorgepflicht gegenüber Arbeitnehmern? Bloß nicht. Sie drehen den Spieß flugs um und werfen ihnen nötigenfalls vor: Wer die viel mehr Arbeit nicht mehr schafft, hat selbst schuld – denn er priorisiert / organisiert nur seine Arbeit selbst falsch. Dann kann der Betroffene noch froh sein, nicht als Minderleister an den Pranger gestellt zu werden. Frei nach dem Motto, die Top-Manager streichen Stellen. Sie werden dafür mit Boni belohnt und ausbaden tun es die verbliebenen Mitarbeiter, die dasselbe Arbeitspensum oder gar mehr in derselben Zeit bewältigen müssen.

Zu viel Arbeit für immer weniger Mitarbeiter: Sind Sie noch arbeitsverdichtet – oder längst überfordert? | Management-Blog

Hier die zugehörige Grafik, die die Ergebnisse der Umfrage des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung zur gestiegenen Arbeitsbelastung visualisiert:

Auch Gunter Dueck hat sich in einem Interview mit dem SPIEGEL (leider hinter dem Paywall) skeptisch zur fortschreitenden Digitalisierung des Arbeitslebens geäußert:

Theoretisch sollte sie uns das Arbeiten erleichtern, aber in der Realität führt sie dazu, dass das Management seine Mitarbeiter mit Dauerkontrollen und ständiger Optimierung quält. Die Firmen übertreiben es einfach. Sie hetzen die Mitarbeiter durchs Tagesgeschäft.

Ex-IBM-Manager: „Computer, Roboter und Algorithmen dienen nicht uns – wir dienen ihnen“ – DER SPIEGEL

Prozessknechte oder sinnvolle Entlastung von Routinetätigkeiten

Der von mir sehr geschätzte Dueck prangert die fortschreitende Automatisierung an und schüttet meiner Meinung das Kinde mit dem Bade aus. Er prangert an, dass „vor allem Routineaufgaben werden gewissermaßen mcdonaldisiert“ würden. Da musste ich natürlich an mein Gespräch mit Peter Collenbusch und auch an viele meiner Vorträge oder Beiträge denken, in denen wir genau die Entlastung von Routinetätigkeiten positiv bewerten – wenn dadurch mehr Zeit für die eigentliche, wert- und sinnschöpfende Tätigkeiten geschaffen wird.

Werden die Mitarbeiter immer mehr zu Knechten der Prozesse, wie es Dueck sagt? Und die Zahlen und die täglichen Messlatten bestimmen demnach den Wert der Mitarbeiter. Multitasking werde zur Regel. Ja, lieber Gunter Dueck, wenn es so praktiziert wird, ist Automatisierung fragwürdig. Und, liebe Claudia Tödtmann, auch ich nehme es so wahr, dass mit immer weniger Mitarbeitern immer mehr geleistet werden soll. Das ist ein Management-, ein Führungsproblem, vor allem auch ein Problem im Umgang mit Menschen, aber kein Problem von Digitalisierung an sich. Automatisierung und Prozessoptimierung gab es immer, ist unausweichlich. Sie möglichst human zu gestalten, dass muss die Maxime sein.

Sich im Homeoffice neu selbst organisieren

Beide, Claudia Tödtmann und Gunter Dueck, haben sich übrigens vor der heißen COVID-19-Phase geäußert. Warum erwähne ich das? Gerade auch in der heißen Diskussion um Horror Office und Homeoffice wird besagter vermehrter Druck und das Thema Arbeitsverdichtung erneut thematisiert. Remote Working sollte nicht zu (noch) mehr Stress führen. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen Homeoffice noch „lernen“. Sie müssen sich und ihre Arbeit daheim strukturieren, die notwendigen Pausen und Auszeiten nehmen und bewusst auch ihren Computer und ihr Smartphone ausschalten.

Nur zu knechtet uns unser eigenes Arbeitsethos

Der Druck durch Managerinnen und Manager, denen es an Empathie und Menschlichkeit fehlt, ist sicher weiter da, gefühlt sogar größer geworden. Doch ich merke auch immer wieder, dass ich mir selbst zu viel Stress mache. Man will seine Aufgaben einfach doch gut machen und erledigen, auch wenn die Arbeit immer mehr wird. Man lässt sich durch das eigene Arbeitsethos knechten. Und oft gewinnt man den Eindruck, dass genau darauf gezählt wird. Aber das war auch vor dem Virus so.

So kommen einige Faktoren zusammen: Arbeitsverdichtung bei immer weniger Mitarbeitern, immer höherer Druck durch das Management und Selbstknechtung aus falsch verstandenem Arbeitsethos. Digitalisierung und Automatisierung scheinen mir deshalb nicht das eigentliche Problem zu sein. Dass diese aber mit Hirn und Verstand, mit der Frage nach Sinnhaftigkeit umgesetzt werden sollten, ist natürlich unbestritten. Doch zeigt sich auch gerade jetzt, dass Digitalisierung in vielen Bereichen notwendig und sinnvoll ist.

(Stefan Pfeiffer)

Obskur: Warum ziehen jetzt schon wieder welche gegen Homeoffice und mobiles Arbeiten zu Felde? [Podcast]

13. April 2020 Posted by Stefan Pfeiffer

Keiner findet die gegenwärtige Situation im Physical Distancing schön. Von quasi einem Tag auf den anderen wurden diejenigen, deren Job es zulässt, ins Homeoffice geschickt und sie sollen jetzt von daheim arbeiten. Und schon geht die Diskussion los. Hier meine Auseinandersetzung mit dem Thema als Podcast.

Obskur: Warum ziehen jetzt schon wieder welche gegen Homeoffice und mobiles Arbeiten zu Felde?

9. April 2020 Posted by Stefan Pfeiffer

Keiner findet die gegenwärtige Situation im Physical Distancing schön. Von quasi einem Tag auf den anderen wurden diejenigen, deren Job es zulässt, ins Homeoffice geschickt und sie sollen jetzt von daheim arbeiten. Und schon geht die Diskussion los. Am Anfang überwogen meiner Beobachtung nach am Anfang noch die positiven Stimmen.

So hat beispielsweise Michael Kroker begrüßt, dass Unternehmen jetzt quasi gezwungen werden, über Homeoffice nachzudenken. So bitter es ist. Was Themen wie Klimawandel, verstopfte Straßen, verlorene Lebenszeit in Staus und im Auto oder Worklife Balance nicht vermocht haben, das schafft derzeit bitterer-weise das Corona-Virus:

Viele Unternehmen sind nun gezwungen umzudenken, sei es beim Home Office, sei es bei virtuellen Meetings und Dingen wie telefonischer oder Online-Krankschreibung.

Damit könnte der Virusausbruch und die in den kommenden Woche zu befürchtende Verschärfung des Lebens in Deutschland der digitalen Transformation im Arbeitsleben tatsächlich einen Schub verpassen. Immerhin.

Krokers RAM: Ein Gutes hat das Corona-Virus – Firmen denken endlich beim Home-Office um! | Kroker’s Look @ IT

In den ersten Tagen hat man allenthalben eine solche Einschätzung gelesen. Doch schon scheint sich der Ton wieder zu ändern.

Zuerst: Chance für Digitalisierung und Homeoffice

Carsten Knop, sicherlich kein Technologiefeind, glaubt, dass man im Büro in den Redaktionssitzungen kreativer oder innovativer sei, so sein Statement im Digitec Podcast der FAZ. Richard Gutjahr beklagt die Arbeit daheim, da er nun die ganze Familie um sich hat und Konzentration manchmal schwer fällt. Meine beste Freundin (Lehrerin) jammert, dass sie sich bemüßigt fühlt, den ganzen Tag E-Mails ihrer Schüler zu beantworten.

Und gestern Morgen jammert eine Kollegin herzerweichend und sagt, sie freue sich drauf, wenn man sich wieder im Büro sehe. Nicht falsch verstehen. Ich freue mich auch, wenn ich Qualitätszeit mit Kolleginnen und Kollegen verbringe, wenn wir gemeinsam kreativ sind und Ideen gebären. Aber nun mal ehrlich. Wie oft ist das der Fall? Und wie oft sitzen wir im Großraumbüro nur nebeneinander, oft mit Kopfhörer, weil wir schon vor Corona unendlich viel Zeit mit sinnlosen Video- und Telefonkonferenzen verbracht haben?

Und ich verstehe auch Richard und alle, die sagen, dass die Arbeit schwierig ist, wenn die Kids um einen rum wuseln. Meiner lehrenden Freundin hab ich gesagt, dass sie sich organisieren muss, einfach Sprechstunden einrichtet, an denen die Schülerinnen und Schüler sie kontaktieren können, aber eben auch „kommunikationsstille“ Zeiten, in denen sie nicht in E-Mails schaut. Und keinesfalls geht es, im Nachthemd morgens früh an den Computer schlurfen. Stellt Euch mal vor, die Webcam ist versehentlich an 😉

Horror Homeoffice: Geht es noch, so zu generalisieren

Dann bin ich noch über diesen Beitrag von Peter Ilg auf heise online unter der Überschrift Kommentar zur Corona-Arbeitswelt: Das kleine Horror-Homeoffice. Also heise ist ja eigentlich keine BILD-Zeitung, aber wenn ich so etwas lese … Er macht auf Probleme aufmerksam, die sicher bestehen können. Bestehen können, nicht müssen. Mangelnde Eigenorganisation, kein Abschalten, stattdessen Überstunden. Kein richtiger, abgeschotteter Arbeitsplatz, stattdessen Arbeit am Küchentisch. Es gipfelt in dem Schluss, dass Homeoffice „ein Vorrecht für Menschen, die mit ihrer Zeit souverän umgehen können, die eigenverantwortlich arbeiten, sich selbst motivieren“ sei. Wer sich nicht gut selbst organisieren könne, klare Vorgaben brauche, für den werde Homeoffice zum Horror.

Einen ungünstigeren Zeitpunkt als eine Krise gibt es aber nicht, um eine neue Arbeitsorganisation einzuführen. Das Virus schadet deshalb der Homeoffice-Kultur mehr, als dass es sie fördert.

Kommentar zur Corona-Arbeitswelt: Das kleine Horror-Homeoffice | heise online

Es geht hier nicht darum, Homeoffice in den Himmel zu loben. Manch eine:r ist auch aus den genannten Gründen nicht der Typ für die Heimarbeit oder hat eben nicht die Rahmenbedingungen. Ist der Schluss, den Ilg zieht, also hanebüchen? Wird es gar aufgrund der Erfahrungen in der jetzigen Krise zu einem Swing-back kommen? Ich hoffe es nicht.

Homeoffice ist Umweltschutz. Homeoffice ist Lebensqualität.

Niemand begrüßt die derzeitigen Umstände, aber durch sie wird die Auseinandersetzung mit dem Thema Digitalisierung, Homeoffice und schnelles Netz in Deutschland sicherlich befördert. Und das war schon immer dringend nötig. Es gab und gibt viele schlagende Gründe für Homeoffice für diejenigen, die es wollen und wo es von der Arbeit her geht. Tägliches Pendeln ist sehr schnell verlorene Lebenszeit. Ich selbst bin 7 Jahre lang von Darmstadt nach Bad Homburg gefahren, habe dabei fünfmal den Äquator umrundet und schätzungsweise 220 Arbeitstage „on the road“ verbracht. Jetzt können wir noch den CO2-Ausstoß hochrechnen. Homeoffice ist Umweltschutz. Homeoffice ist Lebensqualität.

Hinzu kommt bei mir durchaus auch ein Unbehagen, warum Homeoffice oft nicht erlaubt wird. Da können auch andere Motive dahinter stehen wie der Glaube, die Mitarbeiter im Büro besser kontrollieren zu können. Wenn Homeoffice gar verboten wird, auch wenn kein direktes Teammitglied in dem Büro arbeitet, in das man beordert wird, wird die Luft dünne. Noch dünner wird sie aus meiner Sicht, wenn durch das Verbot von Heimarbeit die Teilzeit Arbeitenden benachteiligt werden. Das Potential für mobiles Arbeiten, für Homoffice ist noch extrem hoch, wie ja auch der neue Digital-Index zeigt.

Man kann im Homeofficve genauso kreativ sein. Man muss es nur üben!

Ich widerspreche auch explizit Carsten Knop. Auch im Homeoffice kann man im Team mit anderen entsprechend kreativ und innovativ sein. Man muss dazu nicht Schulter an Schulter im Büro sitzen – und den:die Anderen eh nicht beachten, weil man eh in Videokonferenzen ist. Zur Produktivität gibt es auch entsprechende Studien und genau Argumente gegen Homeoffice sind aus oben genannten Gründen nur zu oft vorgeschoben. Die Werkzeuge dafür sind da. Was noch geübt werden muss, ist die neue Arbeitsweise im virtuellen Raum. Hier besteht sicherlich Nachholbedarf bei vielen Arbeitnehmern, der entsprechend befriedigt werden sollte.

Homeoffice, besser mobiles Arbeiten. Arbeiten genau dort, wo man gerade ist, ist nicht für jede:n etwas. Und wie schon oft geäußert: Der gesunde Mix von Präsenz im Büro, mobilem Arbeiten und Heimarbeit, ein hybrides Modell, macht es aus meiner Sicht. Und genau den müssen wir finden, erproben, austesten, als Unternehmen, als Fachbereich und als Einzelne:r. Und das hätten wir schon vor COVID-19 tun sollen. Und jetzt erst recht. Einige „Gebrauchsanweisungen“ habe ich mal hier kuratiert.

Und als „Reminder“: Das sind meine 10 Thesen zu mobilem Arbeiten und Homeoffice von 2017 (leicht angepasst):

  1. Homeoffice und mobiles Arbeiten können heutzutage nicht mehr abgeschafft werden, ohne dass ein Arbeitgeber große Risiken eingeht. Viele Talente, jung oder älter, wird man nicht für ein Unternehmen gewinnen können, das kein Homeoffice oder kein mobiles Arbeiten anbietet. Gerade auch in Berufen und Unternehmen, in denen man international über Ländergrenzen und Zeitzonen hinweg zusammen arbeitet, ist ein Ruf nach Präsenzpflicht in Büros abstrus, denn …
  2. … Reisezeit, Staus auf der Autobahn, Warten auf das Einsteigen am Flughafen oder Warten auf einen verspäteten Zug sind verplemperte Lebenszeit und verursachen Stress. Man sollte bewusst und mit gutem Grund reisen weil …
  3. … die reale Kaffeeküche oder das gemeinsame Mittagessen wertvoll für den sozialen Kontakt zwischen Kolleginnen und Kollegen sind. Und mancher Karriere schadet es nicht, dass ein Chef regelmäßig das Gesicht eines Mitarbeiters sieht.
  4. Wahr ist aus meiner Sicht auch, dass reale Treffen vor Ort von Projektteams in der Regel produktiver sind als Telefon- oder Videokonferenzen. Viele solcher Telefonmeetings sind eine Pest und verplemperte Arbeitszeit, was nicht am Medium Telefon sondern an falscher Organisation und falsch verstandener Anwesenheitspflicht liegt.
  5. Konzentriert im kleinen und überschaubaren Team vor Ort zusammen zu arbeiten, ist ein probates Mittel, Projekte besser zu managen. Das ist schon lange bekannt, jedoch wurden in vielen Unternehmen solche internen Projekttreffen aufgrund anfallender Reisekosten sinnigerweise untersagt, Reisen nur dann erlaubt, wenn externe Kunden und Partner involviert waren.
  6. Viele heutige Büros sind für effizientes Arbeiten nicht geeignet. Wer wie oben beschrieben viele Stunden am Telefon verbringt, verzweifelt in den heutigen Großraumbüros, in denen es nie genug „Quiet Rooms“ gibt. Auch sind viele Bürolandschaften für kreative Projektarbeit nicht wirklich eingerichtet. Nicht umsonst mieten mehr und mehr auch große Unternehmen ihre Projektteams in CoWorking Spaces wie bei Design Offices ein, wo flexible Projekt- und Arbeitsräume für unterschiedlichste Tätigkeiten zur Verfügung gestellt werden.
  7. Wir werden weiter moderne Werkzeuge zur Kommunikation und Zusammenarbeit brauchen, die vor allem auch mobiles Arbeiten und Kommunizieren synchron und asynchron unterstützen. Die Tools müssen aber noch wesentlich einfacher und komfortabler zu bedienen werden, um endlich Produktivitäts- und Projektmanagementkillern wie E-Mail und Dateianhängen Herr zu werden.
  8. Doch es nicht nur eine Tool-Frage: Lasst Eure Mitarbeiter nicht dumm sterben, sondern unterrichtet und „coached“ sie darin, wie sie die heutigen Werkzeuge besser nutzen können. Ja, die Tools sind alle durch die Bank verbesserungsfähig bieten aber durchaus heute schon eine Menge sinnvoller Funktionen. Nur kennt sie der Otto Normalarbeiter nicht, weil er nie eine vernünftige Schulung erhalten hat. Vieles wird geschult, nicht aber das tägliche Arbeitswerkzeug oder wie man sich in der täglichen Arbeit organisiert. Ich glaube, dass nicht nur Schulungen benötigt werden. Es müsste ein Coaching-Konzept entwickelt werden, über das laufend weiter gebildet wird. Hier liegen aus meiner Sicht riesige Potentiale.
  9. Und mein letzter Punkt: Arbeitswelten von heute und morgen brauchen eine Vertrauenskultur. Wer noch immer auf „Command and Control“ und Hierarchien setzt, hat die Zeichen der digitalen Transformation verpasst. In ein solches Konzept gehören auch Vertrauensarbeitszeit und Vertrauensarbeitsplatz

(Stefan Pfeiffer)

Einige „ältere“ Beiträge zum Thema Homeoffice

Und hier einige meiner „alten“ Beiträge zum Thema aus den vergangenen Jahren. Die sind eher Appelle für mobiles Arbeiten und Kontroversen gegen die Abschaffung von Homeoffice, denn praktische Tipps. Die Tipps sollte ich irgendwann auch nochmals aus meiner Sicht zusammen schreiben.

Das Coronavirus und der digitale Mindset in Deutschland bei #9vor9: Wir brauchen einen Kennedy-Flug-zum-Mond-Moment

17. März 2020 Posted by Stefan Pfeiffer

Der digitale Mindset in Deutschland und die Notwendigkeit, soziale Kontakte über digitale Kanäle aufrecht zu erhalten, stand heute im Zentrum unseres Gesprächs bei #9vor9. Leider fordert die Kanzlerin immer nur, soziale Kontakte zu minimieren, statt dazu aufzurufen, die Kontakte über Skype, Facetime und Co zu führen. Lars hat es schön formuliert: Wir können gerade, die allein oder weit entfernt von ihrer Familie leben, nicht wochenlang alleine lassen. Genau deshalb müssen wir digital gehen!

Für mich sind die Aussagen der Kanzlerin leider ein Indiz dafür, dass die digitale Transformation, die Digitalisierung noch nicht fest in den Köpfen vieler Politiker verankert ist. Carsten Knop und Alexander Armbruster haben sich in ihrem FAZ Digitec Podcast vom 21.2.2020 zu Europas Digitalstrategie ebenfalls entsprechend geäußert. Der Mindset und der Kennedy-Mond-Effekt fehlen leider in Deutschland.

Was meinen sie mit Kennedy-Effekt?

Am 25. Mai 1961, sechs Wochen nach dem Gagarin-Coup der Sowjets, tritt US-Präsident John F. Kennedy vor die Mikrofone. Und er gibt die entscheidende Parole aus: Noch vor Ablauf der nächsten zehn Jahre solle ein US-Amerikaner den Mond betreten und gesund wieder auf die Erde zurückkehren. „Es ist an der Zeit, dass diese Nation eine klare Führungsrolle im Weltraum einnimmt“, sagt Kennedy.

Stichtag – 25. Mai 1961: John F. Kennedy kündigt bemannten Flug zum Mond an – Stichtag – WDR

Hier ein kleiner Ausschnitt aus dem FAZ Podcast. Und ich spreche natürlich eine Hörempfehlung für das Gespräch aus. Aber zuerst vergnügt sich Gunni mit lustigen Sounds. Der Sohn und seine Hupen, sag ich nur.

Genau eine solche Ansage, wie Kennedy gemacht hat, bräuchten wir, so die beiden FAZ-Redakteure, auch zum Thema Digitalisierung in Europa – und ich stimme voll zu. Bernd Marr sieht den Corona-Virus gar als möglichen Katalysator der digitalen Transformation und das nicht nur in Europa:

Die derzeitige Situation scheint zumindest dazu zu führen, dass das Bewusstsein geschärft wird und Grundlagenthemen wie der Breitbandausbau endlich mit voller Kraft angegangen werden. Wie schreibt Frank Pergande in der FAZ:

Das Verhältnis vieler Menschen zur Digitalisierung ändert sich gerade, weil sie auf einmal als Segen sehen, was ihnen bislang oft suspekt war: der Mangel an direkter Kommunikation.

Das Coronavirus zwingt Deutschland zur Entschleunigung

Noch scheint unser Netz zu halten. Zumindest haben die drei #9vor9-ler nur vereinzelt von überlasteten Servern von Lernplattformen gehört. Lediglich Microsoft Teams scheint gestern zeitweise nicht verfügbar gewesen zu sein, wie auch The Verge berichtet.

Digitalen Aufbruch gibt es zumindest im Ländle. IBM und Fraunhofer bringen Quanten Computing nach Ehningen:

Im Rahmen der Zusammenarbeit wird ein IBM Q System One Quantencomputer in einem Rechenzentrum von IBM Deutschland bei Stuttgart installiert. Das System soll zu Jahresbeginn 2021 in Betrieb gehen und wird das erste seiner Art in Europa sein. Fraunhofer plant, etablierte Partner aus Forschung und Industrie unter dem Dach einer Forschungsinfrastruktur von Fraunhofer-Instituten zusammenzubringen, die als Kompetenzzentren in einem zentral koordinierten nationalen Fraunhofer-Kompetenznetzwerk für Quantencomputing zusammenarbeiten.

Fraunhofer und IBM bringen Quantenrechner für Industrie und Forschung nach Deutschland

Die Tage werde ich dazu für das IBM Livestudio ein entsprechendes Gespräch führen.

Weitere Themen bei #9vor9: Gunnar hat sich zu Recht über das Verhalten vieler Mitbürger aufgeregt, die eben nicht den Appellen und Aufrufen nachkommen, reale (nicht digitale) soziale Aktivitäten einzuschränken. Und Lars hat zum Thema Vertrauen in Techkonzerne die The Verge tech survey 2020 zitiert. Er meint, dass das Vertrauen in Facebook und Twitter deutlich zurückgegangen sei. Ich bin eher schockiert, wem die Amerikaner ihre Informationen anvertrauen.

Also reinschauen oder reinhören in #9vor9, das jetzt immer auch als Podcast auf den wichtigsten Podcast-Plattformen wie Apple, Google, Deezer oder Spotify erscheint.

(Stefan Pfeiffer)