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Talkshow-Überdruss: Immer die gleichen Gäste, viel Unsachlichkeit, oft Polemik, zu wenig fachliche Diskussion, schwächelnde Moderatoren:innen

26. März 2021 Posted by Stefan Pfeiffer

Der letzte Satz von Manfred Lindlinger in seinem Beitrag zum Project Debater, einer von IBM entwickelten KI, die mit Menschen debattieren, diskutieren und argumentieren kann, hat mich ins Mark getroffen. Mancher Talkshow würde ein entsprechender Diskussions- und Debattierpartner gut tun, der fundierte Argumente identifizieren und vortragen würde. Das hat gesessen, denn viele, ja die meisten Talkshows gehen mir derzeit sehr auf die Nerven. Natürlich dominiert das Thema Corona bzw. Covid-19. Kein Tag ohne eine entsprechende Talkshow (und deren „Nachbehandlung“ in den Medien). Und ich glaube, auch immer wieder die gleichen Gäste zu sehen. (Dazu kann man gerne die am Ende eingeblendete Statistik checken. Ist zwar nur 2020, aber immerhin.)

Vor allem scheint mir zu oft nur heiße Luft zu kommen. Regierende aus Bund und Ländern, die ihre Wankelmüdigkeit rechtfertigen, oder Politiker, die schon im Wahlkampfmodus auf Stimmenfang sind. Die FDP sticht mir dabei gerade heraus, die ganz offensichtlich der CDU/CSU Wähler:innen mit wirtschaftsfreundlichen Öffnungsparolen abjagen will. Emotional berührt haben mich die Aussage von Herrn Kubicki, der die Diskussion um die Mutante gar lustig findet frei nach dem Motto:

Zwar hat die Partei wenig Konkretes anzubieten, aber aus der Opposition heraus kann man schon mal breitflächig stänkern.

Kubicki beim ARD-Talk in Fahrt: „Diese Mutanten-Diskussion finde ich lustig“ – FOCUS Online

Eine höhere Ansteckung sei nicht nachgewiesen. Dem RKI oder britischen Forschern scheint Herr Kubicki ganz offensichtlich nicht zu glauben. Immerhin Widerspruch vom Grünen (und Arzt) Janosch Dahmen in der Diskussion bei Anne Will. Ein Negativbeispiel, das heraus sticht, mir natürlich besonders auf die Nerven geht, weil ich anderer Meinung bin*, das aber beispielhaft meine Talkshow-Müdigkeit verdeutlicht. Viel Unsachlichkeit, oft Polemik, zu wenig fachliche Diskussion, manchmal schwache Moderatoren:innen. Und das zieht sich durch. Ausnahmen bestätigen die Regel. Michael Radunski kommentiert in der FAZ eine Talkshow mit Maybrit Illner:

Lauterbach mahnte, warnte und forderte neue scharfe Maßnahmen, während Madsen die Zeit für Öffnungskonzepte, Hoffnung und Mut gekommen sieht. Über beide Sichtweisen lässt sich diskutieren. Man mag zu ihren jeweiligen Forderungen stehen, wie man will. Aber sowohl Lauterbach wie auch Madsen vertreten zumindest eine klare Haltung, für die sie jeweils auch Argumente ins Feld führten. Und nur so ergibt eine Talkshow einen Sinn.

TV-Kritik Maybrit Illner: Osterruhe und Versagen der Corona-Politik

Mehr Argumente – der Link zurück zu Project Debater und mancher Talkshow würden fundierte Meinungen gut tun – , gerne lebhafte Diskussion, vor allem weniger Schaumschläger und standhafte, kritische Talk Master. Aber das sind sicher fromme Wünsche – passend zur Vorosterzeit. Vielleicht sollte ich einfach abends wegzappen, wenn man mal wieder eine derartige Runde aufpoppt. Wahrscheinlich die klügere Variante, auch wenn ich eigentlich jemand bin, der eine faire und harte Debatte liebt und für wichtig erachtet.

* Ich bin auf der Seite eines Christian Drosten, einer Melanie Brinkmann und eines Karl Lauterbachs, die nach meiner Beobachtung und Einschätzung fundierte Empfehlungen aufgrund der Datenlage geben, denen aber immer wieder nur partiell gefolgt wird. Nur zu schnell werden die Maßnahmen wieder zurück genommen mit verheerenden Folgen, wie es beispielsweise auch Gunter Dueck beschreibt. Notbremsen werden gelockert, doch – wie auch Karl Lauterbach aufgrund der Datenlage und seiner Fachkompetenz vermutet – der Lockdown wird kommen, nur dann noch härter, weil viele Politiker jetzt wieder windelweich einknicken.

Hier nun zum Abschluss die angekündigte Übersicht der Talkshow-Gäste von ARD und ZDF in 2020:

(Stefan Pfeiffer)

Talkshow-Überdruss: Ein glaubwürdiger, eloquenter Faktenchecker und Debattierer würde gut tun

26. März 2021 Posted by Stefan Pfeiffer

Sowohl die FAZ wie auch Die Zeit haben aktuell Beiträge über das Project Debater von IBM Research veröffentlicht. Anlass ist ein Aufsatz von Noam Slonin und seiner Kollegen:innen aus den IBM Laboren in Haifa und Dublin in Nature. Die Forscherinnen und Forscher haben „eine KI“ entwickelt, die mit Menschen debattieren, diskutieren und argumentieren kann. Dazu sucht sich das System Informationen zu einem Thema aus unterschiedlichen Quellen heraus, gewichtet und analysiert die Argumente und Gegenargumente und bereitet sie in natürlicher Sprache auf.

In einer öffentlich übertragenen Debatte zwischen Harish Natarajan und Project Debater, on einer Säule mit blau leuchtendem Display und einer weiblichen Stimme verkörpert, wurden die Fähigkeiten an der Fragestellung „Sollten wir Vorschulen subventionieren?“ demonstriert. Meine Kollegin Anke Breitwieser und mein Kollege Dr. Wolgang Hildesheim beschrieben das näher in diesem Beitrag. Dort ist auch das Video der (englischsprachigen) Diskussion zu sehen.

Warum greife ich es hier auf? Noam Slonim und seine Kollegen:inne schreiben in Nature“, dass es ihnen gar nicht so sehr darum gehe, dass eine KI eines Tages besser als Menschen argumentieren könne. Vielmehr sollen die Weiterentwicklungen von Debater dabei helfen, angesichts der Informationsflut und auch zunehmender Fake News Fakten zu extrahieren, überzeugende Argumente zu identifizieren oder zu entwickeln und so bei der Entscheidungsfindung unterstützen. Das erscheint in diesen Zeiten auch dringend notwendig, denn wie Manfred Lindinger in der FAZ so schön seinen Artikel schließt:

In manchen hitzigen Talkshows, die derzeit Hochkonjunktur feiern, würden die fundierten Meinungen von Project Debater sicherlich viel Zuspruch finden.

Debattierfreudige KI: Jetzt redet der Computer

Dem kann ich nur zustimmen. Viele Diskussionen (und zugegebenermaßen auch einige ach so populistische Dauergäste) gehen mir gerade jetzt in Corona-Zeiten extrem auf die Nerven. Da würde ein weiterer glaubwürdiger, eloquenter Faktenchecker, der die durchaus vorhandenen glaubwürdigen Experten unterstützt, sicher gut tun.

„In manchen hitzigen Talkshows, die derzeit Hochkonjunktur feiern, würden die fundierten Meinungen von Project Debater sicherlich viel Zuspruch finden.“ @m_lindinger auf @faznet #KI #AI #IBM @IBMDACH

(Stefan Pfeiffer)

Talent Management #9vor9: Das Informelle-Persönliche ist in Corona-Zeiten besonders wichtig

18. März 2021 Posted by Stefan Pfeiffer

Wenn es um Homeoffice oder Themen rund um HR geht, dann ist gern gesehener Stammgast, ja Co-Moderator bei #9vor9: Peter M. Wald, Professor für HRM an der HTWK Leipzig. Und bei #9vor9 vom 16. März haben wir das uns das Thema Talent Management in diesen besonderen Zeiten der Pandemie vorgenommen. Talent Management und entsprechende Lösungen waren ja auch einmal Teil meiner Marketingarbeit in der IBM.

In unserem Gespräch haben wir die verschiedenen Aspekte, vom Finden und der Rekrutierung neuer Mitarbeiter:innen über die Einarbeitung bis hin zum Halten und Motivieren besprochen. All diese Phasen sind natürlich jetzt deutlich schwieriger geworden, wie auch gerade mein Freund Henry Walther bestätigt, dem es auch schwer einfällt neue Kollegen:innen in die Firma einzuarbeiten. Dabei geht es gar nicht nur um die fachliche Einarbeitung. Vielmehr ist der soziale Aspekt offenbar wesentlich relevanter und wichtiger. Wie soll man über virtuelle Verbindungen den Stallgeruch des Unternehmens oder der Abteilung einatmen und sich im positiven Sinn gesprochen sozialisieren und wohl fühlen?

Peter hat natürlich durch seine Tätigkeit die Herausforderung, die Studenten:innen virtuell zu unterrichten. Er legt wert auf persönliche „Open Peter-Stunden“, wo Studierende das persönliche Gespräch mit ihm führen können. Mehr Privates preis geben und so mehr Nähe schaffen, das ist eine seiner Empfehlungen. Der Arbeitstag kann und sollte nicht nur aus den formellen Meetings, Webex’en und Zooms stattfinden. Gerade Führungskräfte sollten auch auf informelle, virtuelle Kaffeepausen und Gespräche Wert legen, so unisono die Meinung des #9vor9 Plenums. Nur so kann eine gewisse Atmosphäre, Vertrauen, Motivation, Mitarbeiterzufriedenheit, Bindung an das Unternehmen erzielt werden.

Meine 2 Cents: Wenn ich im Büro bin, dann genieße ich auch die informellen, sozialen Kontakte. Mit denen, mit denen ich eng zusammenarbeite, versuche ich das auch heute virtuell zu leben. Man redet auch so mal unter vier Augen, egal mit welchem Werkzeug. Das muss sein. Auch das Gelästere über manche Zustände. Ausk…tzen gehört dazu und befreit. Was mir „on top“ fehlt sind die spontanen Treffen mit Kollegen :innen, denen man auf dem Flur begegnet und wo man einfach mal einen Kaffee trinken geht. Das gelingt mir eher selten in der komplett virtualisierten Homeoffice-Umgebung. Der Zufall ist schwer virtuell nachzubauen …

Und natürlich gibt es #9vor9 auch wieder als Podcast auf den bekannten Plattformen und hier im Netz.

(Stefan Pfeiffer)

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Hackerangriffe, Kekse, Kontaktverfolgung und deutsche digitale Bräsigkeit bei #9vor9 – den Digitalthemen der Woche

10. März 2021 Posted by Stefan Pfeiffer

Unser heutigen Digitalthemen bei #9vor9: Hackerangriffe auf Tausende von Exchange Servern beunruhigen nicht nur das BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik) und setzen damit die Liste beunruhigender Vorfälle fort. Wir erinnern nur an Solarwinds, wo es wohl gelungen war bis zum Quellcode des Cloud-Angebots Azure vorgedrungen war.

Bezüglich der Bedrohungen von Exchange Servern möchte ich ausdrücklich auf den Blogbeitrag von Henning Uhle verweisen, der sich mit den Hafnium-Angriffen auf Exchange Server auseinandersetzt und die notwendigen Maßnahmen auseinander dröselt und vor allem sein Schlusswort unterstreichen:

Allerdings ist es auch so, dass niemand sagen kann, ob es mit Wettbewerbern oder mit der Cloud anders sein würde. Microsoft sagt zwar, dass mit Microsoft 365 derartiges nicht bekannt ist, aber kann man da wirklich sicher sein?

Hafnium-Angriffe auf Exchange Server – Henning Uhle

Nahezu zur gleichen Zeit warnen die Security Reports von Netscope und der IBM vor immer mehr Sicherheitsbedrohungen in der Cloud. Laut Netscope stieg nicht nur die Zahl Cloud-Apps pro Unternehmen. Im vergangenen Jahr wurden sogar fast zwei Drittel der identifizierten Schadsoftware über Cloud-Anwendungen und -Dienste verbreitet (61 Prozent), berichtet Michael Kroker in seinem Blog. Klar muss jedem sein, dass Cybersecurity-Bedrohungen nicht nur ein Problem von Microsoft, Behörden und Verwaltungen ist. Es betrifft jede:n Anwender:in ganz persönlich auf dem eigenen Rechner, dem Smartphone oder Tablet und vermehrt auch im eigenen Smart Home mit all den ach so intelligenten (und oft auch angreifbaren) Devices.

Key Findings des IBM X-Force Threat Intelligence Index 2021 ©IBM

Und am 9. März und in diesen Zeiten kommt man auch nicht um das Thema Covid19 und Kontaktnachverfolgung herum Jörg Schieb berichtet auf Digitalistan, dass Bund und Länder ihre Entscheidung für oder gegen die Luca-App zur Kontaktnachverfolgung erst einmal vertagt haben. Dabei geht es mir gar nicht darum, ob es Luca oder eine andere App werden wird. Mir geht es darum, dass diese Entscheidung für eine App bereits im Sommer oder Herbst 2020 hätte getroffen werden müssen. Das hat nichts mit großer Weitsicht oder gar prophetischer Gabe zu tun. Das ist schlicht Versagen in der Pandemieeindämmung und -bekämpfung. Und ja, eine einheitliche Schnittstelle, über die alle verfügbaren Apps funktionieren, wäre auch toll gewesen. In dieses Horn stößt auch Jörg in seinem Beitrag. Ich habe kürzlich selbst dazu geschrieben oder Dieter Schnaas von der Wirtschaftswoche zitiert. Traurig. Der von Jörg gewählte Begriff Bräsigkeit von Politik und Verwaltung ist aus meiner Sicht noch viel zu verniedlichend.

Und er ging mir nicht auf den Keks

Urlauber Lars Basche, der sich wohl mühsam aus dem Bett zum Frühstück gequält hatte, dachte natürlich wieder nur an Kekse, brachte sie nicht einmal mit (und ging mir auch auf besagten). Sein Thema der Woche: Google Chrome blockiert Third Party Cookies. Von einigen wurde das angesichts der Marktanteile von Chrome auf mobilen Android-Geräten und auf Computern schon als Riesenerfolg für den Datenschutz gefeiert. Doch die Wahrheit dürfte anders aussehen: Google löst sich von „personalisierter Werbung“ und schwenkt stattdessen auf eine Zuordnung von Personen zu Gruppen, zu Kohorten um. Aufgrund dieser Klassifizierung wird dann wohl die Werbung ausgespielt, denn auf die entsprechenden Einnahmen wir Google ganz sicher nicht verzichten wollen. Mit den Kohorten soll jetzt experimentiert werden.

Vor allem dürfte das Ende der Third Party Cookies in Chrome – Safari und Firefox haben das schon länger – ein Schlag gegen Facebook und andere Adtech-Anbieter sein, die es damit schwerer haben, Daten zu sammeln und zu kommerzialisieren. Und schon wieder zitiere ich Jörg Schieb:

Keine personalisierte Werbung mehr. Nicht sofort, aber ab nächstem Jahr. Begrüßenswert, denn wenn das mit Abstand größte Werbenetzwerk auf diese Form der Werbung verzichtet, kommen alle anderen unter Druck. Dass Google damit allerdings nicht sofort aufhört, sondern erst nächstes Jahr, zeigt aber auch, dass es keine moralische Entscheidung ist, sondern eine durch und durch wirtschaftliche.

Google macht Schluss mit Schnüffel-Werbung – demnächst › Digitalistan

So ist es wohl. Und ich habe unseren Lars, der heftiger Chrome-Nutzer ist, auch diese Meldung erinnert, die vor kurzem erschienen ist. Nicht nur Daten, auch Speicher wird von Chrome exzessiv verbraucht …

Und natürlich stimmt auch das, was Lars gesagt hat: Wie viele von uns klicken die berühmten Cookie-Einstellungen einfach weg beziehungsweise akzeptieren sie aus Bequemlichkeit. Verstehen tut die exzessiven Beschreibungen eh niemand, also ich zumindest nicht. Meine Methode: Auch als Firefox-Nutzer lösche ich konsequent alle 3-4 Wochen meine Browser-Historie inklusive gespeicherte Seiten und Cookies. Das tun aber bei weitem nicht alle.

Und natürlich gibt es #9vor9 auch wieder als Podcast auf den bekannten Plattformen und hier im Netz.

Und natürlich bleibt die Frage aller Fragen:

(Stefan Pfeiffer)

Lesezeichen: Im Land der Lahmheit – WiWo

7. März 2021 Posted by Stefan Pfeiffer

In einem Absatz die Versäumnisse im Sommer/Herbst 2020 von Dieter Schnaas in der Wirtschaftswoche zusammengefasst:

Die Regierenden hätten in diesen Monaten Massentests einführen, Pflegeheime schützen, Schulen digitalisieren, Gesundheitsämter vernetzen, ein striktes Quarantäneregime für Einreisende etablieren, eine No-Covid-Strategie durchsetzen, überreichlich Impfstoffe kaufen können. Sie haben aber leider nichts von alledem getan, oder genauer: nur manches, zu wenig, stets halb- und maximal hasenherzig.

Tauchsieder: Im Land der lahmen Leitwölfe

Wir haben ein Problem bei den handelnden Personen, Behörden und in unserem föderalen System. Wir entscheiden nicht schnell und konsequent. Vor allem setzen wir auch nicht schnell und konsequent um. Wir hinken digital hinterher. Wir haben nicht notwendige Umsetzungsmentalität und daraus resultierend -geschwindigkeit. Stattdessen Zuständigkeits- und Machtgeschachere. Die Leitwölfe tragen große Verantwortung, aber es sind nicht nur sie, an denen es krankt.

Und in einem widerspreche ich Schnaas: Von welchen Liberalen redet er nur? Die sind ganz sicher keine Option mehr seit es dort keine Pendants zu einer Hildegard Hamm-Brücher, einem Gerhart Baum oder einem Burkhard Hirsch mehr gibt.

Deutsche Verwaltung und Digitalisierung: Zwei Welten prallen aufeinander, jetzt in der Pandemie, schon seit Jahren und auch ganz banal vor Ort in Darmstadt

21. Februar 2021 Posted by Stefan Pfeiffer

Deutschland und die Digitalisierung. Zwei Welten prallen aufeinander? Ganz korrekt sind diese Sätze nicht, denn natürlich kann man nicht alles über ein Kamm scheren und zudem geht es mir in diesem Blog um die öffentliche Verwaltung, um Gesundheits- und Schul- bzw. Bildungswesen. Und dort treten nicht erst, aber gerade in Zeiten der Pandemie erhebliche Missstände an den Tag. Einige Beispiele:

Christian Reinitz kommentiert anlässlich eines Jahres Pandemie in der FAZ vom 20. Februar 2021* und prangert die Schwachstellen im medizinischen System an: den Föderalismus und die Digitalisierung. An zu vielen Stellen halt es, ob es um die Meldung der Inzidenzzahlen oder der Impfquoten an das RKI über E-Mail und Fax, über eine teilweise mittelalterliche Vergabe von Impfterminen, um digitale Gesundheits- und Patientenakte, digitale Test- oder Impfpässe oder sichere Vernetzung zwischen Kliniken und Ärzten und datenschutzkonforme Übermittlung, Speicherung und Austausch von Patientendaten geht. Natürlich, es gibt hier und da Ausnahmen und Leuchtturmprojekte, aber in der Regel knirscht es im System, um es noch vorsichtig auszudrücken. Und mir scheint, Föderalismus, zu verteilte Kompetenzen und natürlich auch bürokratische Prozesse, Schwerfälligkeit und wohl auch Verteidigung der eigenen Besitzstände sind verantwortlich für das Trauerbild.

Ähnlich sieht es in Bildung und an Schulen aus. Ich habe ja die Tage mit Lars Basche in #9vor9 darüber berichtet und hier entsprechende Artikel gesammelt. Auch dort wieder vereinzelte Leuchtturmprojekte, aber generell scheint auch dort der Föderalismus, die Bürokratie und besagtes Verharrungsvermögen die Ursache dafür zu sein, dass wir nicht in der Geschwindigkeit digitalisieren, wie es gerade in Zeiten der Pandemie notwendig wäre. Erschwerend kommen natürlich in Zeiten, in denen es auf Geschwindigkeit ankommt, das öffentliche Vergaberecht mit seinem oft Ausschreibungsprozess und seinen Fristen hinzu. Man kann doch eigentlich nur wütend werden, wenn man dann liest, dass aus dem Digitalpunkt Schule vom Frühjahr 2019 von zur Verfügung gestellten 5 Milliarden Euro erst 112 Millionen abgeflossen und 743 Millionen Euro bewilligt wurden. Das kann es doch einfach nicht sein, sagt sich der gesunde Menschenverstand.

Oben drauf kommt dann noch, dass Deutschland beziehungsweise die Länder nicht in der Lage scheinen, eine vernünftige deutsche oder europäische Schul-Cloud aufzubauen und stattdessen einmal mehr die Angebote amerikanischer Monopolisten nutzen und diese noch stärker machen. Auch hier scheint mir der Föderalismus, besser die Kleinstaaterei und das Machtgehabe der Länder einer der entscheidenden Hemmnisse zu sein. Auch in diesem Thema scheint klarer zentraler Kompetenz und Steuerung notwendig – mit scharfem Auge auf Projektfortschritte und Finanzierung.

Digitalprojekte scheitern schon seit Jahren

Dies sind zwei angesichts der Pandemie hervorstechende Bereiche, die nach Digitalisierung und weniger Föderalismus schreien. Die Liste lässt sich problemlos verlängern, z.B. in Richtung Vergabe der Hilfsmittel, was – so scheint es – auch durch Digitalisierung und weniger Bürokratie, Formular- und Vorschriftswesen deutlich beschleunigt werden könnte. Jenseits der Pandemie gibt es noch viele weitere Beispiele dafür, wie wenig effektiv Digitalisierung in der deutschen öffentlichen Verwaltung vorangetrieben wird.

Entgegen aller vollmundigen Verlautbarungen über digitale Souveränität scheint parallel dazu die Abhängigkeit besonders vom Giganten Microsoft zu steigen. Weil man es selbst nicht gebacken bekommt oder nicht gebacken bekommen will gab die Bundesregierung 2020 178,5 Millionen Euro für Software-, Cloud- und Serverdienste aus Redmond aus. 2015 waren es noch 43,5 Millionen. Auch Beratungsunternehmen, die der deutschen öffentlichen Verwaltung aufs Pferd heben sollen, freuen sich über entsprechende Honorare – und das schon zu Uschis Zeiten auf der Hardthöhe.

Und schauen wir zurück: 2015 gab es einen Beschluss des Bundeskabinett 2015, Bundesministerien und -behörden bis 2025 mit moderner IT auszustatten. Der Wildwuchs an Rechenzentren sollte beseitigt und die unterschiedlichen IT-Arbeitsplätze vereinheitlicht werden. Welche eine Chance auch, eine deutsche Bundesverwaltungs-Cloud aufzubauen und die eigene deutsche Softwareindustrie zu stärken. Es hätte ein Marshall-Plan für die digitale Souveränität werden können. Hätte, hätte, Fahrradkette. Zielvorgaben und Kosten wurden verfehlt, der Bundesrechnungshof mahnte an, das Projekt wurde neu organisiert – und jetzt schauen wir mal. Unterdessen kassiert vor allem Microsoft weiter, und wahrscheinlich weiter und weiter und weiter …

Muss IT in und für die öffentliche Verwaltung ganz anders aufgesetzt werden? Von Softwarentwicklung bis Implementierung

Kann deutsche öffentliche Verwaltung einfach keine Digitalisierung und IT? Müssen hier andere Prozesse und Institutionen vom Digitalministerium bis hin zu unabhängigen, von deutschen Firmen betriebenen und durch öffentlich Aufträge finanzierte Software-Konsortien implementiert werden? Muss es eine deutsche oder europäische Mozilla-Foundation geben, mit dem Ziel Lösungen für die öffentlicher Verwaltung und darüber hinaus nach dem Open Source-Konzept zu bauen? Die traditonelle Verwaltung, die Ministerien scheinen das Thema jedenfalls bisher nicht in den Griff bekommen zu haben. Ja, es gibt einige mehr als zarte Pflänzchen und wir werden uns bald mit Peter Ganten, dem Vorsitzenden der Open Source, darüber unterhalten. aber generell scheint es sehr düster auszusehen.

Die Liste gescheiterter oder schwächelnder Projekte könnte sicher fortgesetzt werden, doch ich möchte einen anderen Aspekt der Digitalisierung und der öffentlichen Verwaltung beleuchten. Und vorab möchte ich es mit Herta aus den Känguru-Chroniken sagen: „Es jibt sone und solche, und dann jibt es noch janz andre, aba dit sind die Schlimmstn. Nochmals klar und deutlich: Viele Mitarbeiter:innen der öffentlichen Verwaltung sind bürgerfreundlich und bemühen sich, aber …

Digitalisierung banal: Anfrage einfach mal per E-Mail beantworten

Vor geraumer Zeit habe ich Unterlagen per E-Mail an das Gesundheitsamt Darmstadt, die diese angefordert hatten. Die E-Mail war auf dem Schreiben, das ich vom Amt bekommen hatte, angegeben und als halbwegs digitaler Mensch habe ich die Unterlagen gescannt und geschickt. Danach kamen per Briefpost Mahnungen. Also habe ich den Hörer in die Hand genommen und dort angerufen. Eine nette Frau am Telefon, ich frage nach der Kollegin. Ja, die ist nicht da. E-Mail? Wie lange her? Kann sein, dass wir die schon gelöscht haben. Das tun wir in regelmäßigen Abständen. Ich schlucke, bleibe aber freundlich und schicke die Unterlagen nochmals per Fax (!!) und E-Mail an die Stadt. Am kommenden Tag rufe ich an. Ja, die Unterlagen seien angekommen. Wochen später bekomme ich dann die Unterlagen vom Amt natürlich per Post.

Ein anderer Fall: Wir mussten eine Beglaubigung wegen Änderungen im Grundbuch machen. Termin auf dem Ortsgericht ausgemacht, mit meiner Frau hin und die Dokumente beglaubigen lassen. Es war ein Schauspiel: Der nette Beamte beglaubigte die zwei Dokumente in einer Stempelorgie und nahm handschriftlich entsprechende Eintragungen in einem Buch vor. Hier alles ok. War eine Reminiszenz an Verwaltung, wie ich sie seit Jahrzehnten kenne.

So weit, so gut. Und dann schrieb ich in meiner Naivität per E-Mail – die Adresse steht auf der Homepage der Digitalstadt Darmstadt – an das Grundbuchamt, ob ich die beglaubigten Dokumente elektronisch zuschicken könne. Ok, war dumm und naiv. Hätte ich mir als logisch denkender verwalteter Bürger denken können. Nach einigen Tagen kam dann per Briefpost die Antwort, nein, das ginge nicht. Per Briefpost! Die Mitarbeiter:innen waren es nicht gewohnt, einfach die E-Mail zu beantworten.

Und noch eine Erfahrung meiner Mutter, diesmal nicht in Darmstadt. Meine Eltern müssen die Tage neue Ausweise von der Stadt (Leun) abholen. Also rief meine Mutter dort an, ob sie nicht einfach die Briefwahlunterlagen für die Kommunalwahl mitnehmen könnten. Nein das ginge nicht. Das müsse den vorgeschriebenen Weg gehen, per E-Mail – immerhin – oder per Post**. Trotzdem …

Es braucht auch Veränderung in den Köpfen der Beamten:innen

Nun bin ich von den großen Themen der Digitalisierung hinunter gestiegen in den täglichen menschlichen Bürger- und Verwaltungsalltag. Warum habe ich diesen „Abstieg“ vorgenommen? Jenseits der notwendigen IT-Ausstattung und besseren Projektmanagements brauchen wir auch eine Änderung des Verhaltens vor Ort bei den einzelnen Beamten:innen, den Mitarbeiter:innen der öffentlichen Verwaltung und ihren Führungskräften. Wie kann es sein, dass man den Posteingang einfach löscht? Warum wird nicht unbürokratisch und schnell per E-Mail auf eine Frage geantwortet? Warum ist der Servicegedanke, Ich, Mitarbeiter:in der öffentlichen Verwaltung bin für meine Bürger:innen da und versuche ihn so gut es geht schnell und unbürokratisch zu helfen so selten ausgeprägt?

Ich denke, auch hier muss angesetzt werden. Es braucht ein anderes Bewusstsein, den Servicebeauftragten in der Verwaltung, der diese Missstände abstellt, die Beamten:innen schult und coacht, anders, moderner, digitaler, bürgerfreundlicher zu arbeiten. Es tut auch gar nicht weh – und kostet auch nicht den eigenen Job. Und an diesen Servicebeauftragten können auch Bürger:innen ihre Ideen, Verbesserungsvorschläge und Beschwerden richten.

Ich lebe in der Digitalstadt Darmstadt und die Verantwortlichen scheinen darauf sehr stolz zu sein. Hier wurden und werden auch einige interessante Projekte durchgeführt. Gerade werden Ideen für eine urbane Datenplattform gesammelt, um städtische Entscheidungs- und Planungsprozesse zu unterstützen und zu beschleunigen. Wir laden nochmals Verantwortliche der Digitalstadt Darmstadt GmbH herzlich in #9vor9 ein, um die Initiative vorzustellen.

Jedoch sollte ein Stadt, die diesen Anspruch hat, gerade am persönlichen Bürgererlebnis ansetzen und genau wie oben vorgeschlagen mit diesen oder anderen Angebot die öffentliche Verwaltung einfach bürgernäher gestalten – und das nicht nur in Corona-Zeiten. Falls ich hier bestehende Angebote übersehen habe, bin ich für Aufklärung natürlich sehr dankbar und entschuldige mich natürlich auch, wenn ich wo falsch gelegen habe. Ach ja, es ist ja auch bald Kommunalwahl und ich sehe auf manchem Plakat durchaus das Stichwort Digitalisierung …

Kann die deutsche Politik (und Verwaltung) nur Schönwetterreden, aber keine Digitalisierung

Wenn man sich all das anschaut und selbst als Bürger:in „erleidet“ – und die Liste kann leicht verlängert werden – und auf der anderen Seite ach so viele Schönwetterreden vieler Politiker hört, kommen immer größere Zweifel auf, ob wir es in Deutschland „noch können“. Mir drängt sich der Eindruck auf, dass viel geredet und wenig gehandelt wird. Ist ja auch bequemer über Visionen schön zu fabulieren, als Projekte schnell, konsequent und zielorientiert durchzuziehen, einfach anzupacken.

(Stefan Pfeiffer)

* Nur eine Randbemerkung, nichts zur Sache Digitalisierung und öffentliche Verwaltung: Ich finde es immer sehr schade, wenn Artikel in der gedruckten Ausgabe der FAZ erschienen sind und erst später digital veröffentlicht werden.

** Sicher ist das keine Digitalisierungsfrage, aber es zeigt einmal mehr die Servicehaltung, die manchmal in der öffentlichen Verwaltung zu herrschen scheint.

Leider gibt es auch Dinge, die mich in diesen Zeiten sehr ärgern

17. Januar 2021 Posted by Stefan Pfeiffer

Es gibt viele Momente, in denen ich mich in diesen Corona-Zeiten über Rücksichtslosigkeit, Dummdreistigkeit und (ich nenne es mal) Inkompetenz ärgere. Sehr geärgert habe ich mich über meine Krankenversicherung. Laut Ankündigung sollten ja Ältere (ab 60 Jahre) und Risikopatienten, zu denen ich leider gehöre, Gutscheine für FFP2-Masken erhalten. Ich habe per E-Mail und unterdessen dreimal per Fax bei meiner Krankenversicherung angefragt. Erste Auskunft: Nur über 70-Jährige bekommen Masken. Auf Nachfrage bekam ich dann telefonisch die Bestätigung, dass Risikopatienten doch Masken bekämen. Gutscheine seien Anfang Januar per Post zu erwarten. Kam natürlich nichts. Und dann der oben abgebildete Brief vom 15. Januar.

Es scheint, dass wir angeblich doch so effizienten Deutschen viele Verwaltungsprozesse einfach nicht im Griff haben, von Digitalisierung gar nicht zu reden. Von Problemen mit der Impf-Registrierung hier in Hessen oder Problemen mit der Digitalisierung an den Schulen gar nicht erst anzufangen. Es bleibt noch sehr viel zu tun.

Zu meinem Beispiel, das ich gar nicht weiter hochstilisieren will, aber FFP2-Masken könnten angesichts der deutlich mehr ansteckenden Mutationen des Virus, die sich nun auch in Deutschland ausbreiten, bald deutlich wichtiger werden, denn sie schützen einfach besser. Meine FFP2-Masken habe ich dann in meiner Apotheke gekauft. Unser Apotheker hat auch nur den Kopf geschüttelt. Noch hat er übrigens Masken. Eine Lieferung sei am Montag gekommen. Hoffen wir nur, dass FFP2-Masken nicht zum neuen Clopapier mit bekannten Effekten werden.

Doch wenn ich gefrustet bin, gehe ich einfach einen Beitrag zurück und freue mich über die kleinen Dinge, die auch Mut machen.

Es gibt auch Dinge, die in diesen Zeiten Mut machen

17. Januar 2021 Posted by Stefan Pfeiffer

Es gibt viele Momente, in denen ich mich in diesen Corona-Zeiten über Rücksichtslosigkeit, Dummdreistigkeit und (ich nenne es mal) Inkompetenz ärgere. Es gibt aber auch Momente, die Mut machen und in denen ich durchaus gerührt bin, so wie bei diesem Zettel, der in unserer lokalen Metzgerei Bradtke in Darmstadt-Eberstadt aus hing. Lieben Dank an die Mädels. So etwas macht Mut!

Ich habe die E-Mail-Adresse mal unleserlich gemacht. Wer den Kontakt will, kann sich ja melden.

Nachtrag: An dieser Stelle möchte ich auch den Nachbarn meiner Eltern in meinem Heimatdorf Bissenberg herzlichen Dank sagen, die sich in diesen Zeiten so um sie kümmern, beispielsweise mit für sie einkaufen. Sie erleichtern meinen Eltern, die aufgrund ihres Alters auch zur Risikogruppe gehören, das Leben und minimieren deren Kontakte, was entscheidend ist, denn auch im Lahn-Dill-Kreis ist das Virus da. Und sie erleichtern natürlich auch uns das Leben, die wir 100 Kilometer entfernt wohnen. Wir sind so viel beruhigter.

Generell gilt der Dank all denen, die in diesen Zeiten nicht nur hilfsbereit sind und aus Mitmenschlichkeit und Hilfsbereitschaft ohne lange zu fragen helfen.

Herzlichen Dank an die Nachbarn meiner Eltern in meinem Heimatdorf #Bissenberg, die sich in #Corona Zeiten so um sie kümmern, für sie einkaufen. Sie erleichtern ihnen das Leben und minimieren deren Kontakte. Wir sind so viel beruhigter. #Hilfsbereitschaft

Es gibt auch Dinge, die gerade in diesen #Corona Zeiten Mut machen: 3 Mädels aus #Darmstadt #Eberstadt bieten an, für ältere Menschen einzukaufen #Hilfsbefreitschaft #Solidarität

Wein-erlei: „Vin de soif“, Riesling-Gutsweine als Einstieg und mir fehlen die Besuche beim Weingut

27. Dezember 2020 Posted by Stefan Pfeiffer

Zum Jahresende noch ein Wein-erlei und nein, es geht nicht um Sekt oder Champagner. Dazu kann man allenthalben Kompetenteres nachlesen. Zudem liegen diesmal die Raumland-Sekte neben dem Griesel Rosé schon bereit … Übrigens haben wir auch einmal den Griesel Apfel Cuvée Sekt probiert. Kann man aus unserer Sicht trinken, muss man aber nicht. Da haben uns die Pomp Cuvées von Dr. Höhl besser geschmeckt, aber die sind ja auch als Sparkling Cider anders gemacht.

Trotz des winterlichen Wetters haben wir in den vergangenen 3-4 Wochen einige Rieslinge und dabei meist die Gutsweine probiert. Frederik Nikolai Schulz hat sie im Gute-Weine-Magazin als Tor zur Weinwelt, als Einstieg in die Welt des jeweiligen Winzers bezeichnet:

Ein erster Blick in das Sortiment eines Winzers, in seine Arbeitsweise und seine Philosophie, in die Charakteristika einer Rebsorte – darum sollte es gehen. Um unkomplizierten Trinkgenuss, jedoch durchaus mit Anspruch und dem gewissen Kick, der einen dazu bewegt, mehr über das Weingut und die Weinerzeugung erfahren zu wollen.

Gutsweine – Das Tor zur Weinwelt – Lobenbergs Gute Weine

„Gesetzt“ sind seit geraumer Zeit der Kallfelz Riesling Hochgewächs und der Merler Stephansberg von der Mosel oder lange Jahre war der Raddeck vom Roten Hang in Nierstein (Rheinhessen). Lange Jahre hat er sich bei uns behauptet, obwohl wir auch andere Riesling vom Roten Hang probiert haben. Jetzt hat er in diesem Jahr aber starke Konkurrenz durch St. Antony Riesling Rotschiefer bekommen. Hier steht einmal ein direkter Vergleich Raddeck gegen St. Antony bei nächster Gelegenheit an. Alle 4 genannten Weine sind würzige, aromatische Rieslinge mit starkem Ausdruck. Es handelt sich dabei immer um Gutsweine oder Ortsweine

Winzer kennenlernen: Gutsweine als idealer Einstieg

Aber natürlich probieren wir uns weiter durch und vertrauen hierbei auf Tipps von Bekannten und „vertrauenswürdigen“ Weinexperten und -händlern – wie beispielsweise Heiner Lobenberg. Dessen Weinbeschreibungen animieren uns doch immer wieder, neue Tropfen zu probieren. Jetzt haben wir einige vergleichsweise feringliedrige Rieslinge probiert, den trockenen Gutswein von Fritz Haag Riesling QbA trocken (Mosel), den Wittmann Riesling Estate trocken 2019 Bio (Rheinhessen), den Dönnhoff Riesling VDP Gutswein trocken 2019 (Nahe) und den Gut Herrmannsberg Just Riesling trocken 2019 (Nahe). Unsere Favoriten sind dabei die Weine von Fritz Haag, ein sehr feingliedriger Wein, und von Gut Herrmannsberg, ein fruchtiger saftiger Riesling . Beide werden wir sicher wieder im Glas haben.

Und weitere Guts- und Ortsweine probieren, denn sie sind für uns sogar mehr als nur ein Einstieg. Riesling wurde und ist unsere bevorzugte Rebsorte. Immer wieder haben wir auch andere Rebsorten, vom Soave bis zum Gavi , dem Grau- oder Weißburgunder, Chablis oder Sancerre im Glas, oft leben sie vom Namen oder sind überteuert, und hier und da überzeugen sie. Doch wir kehren immer wieder gerne zum Riesling zurück.

Gern auch „Vin de soif“ – und bitte keinen Neid

Solche Einstiegs- oder Alltagsweine sind wichtig. Bei Pinard de Picard ist hier und da die Rede von „Vin de soif“, von unkompliziertem Tafelwein die Rede, den man oft in Bistro ausschenkt oder eben im Alltag mit Freunden und Bekannten trinkt. Als solche „Vin de soif“ in rot habe ich die Einstiegsweine zweier bekannter (und umstrittener) Winzer der Szene kennengelernt. Ich spreche über den Fabelhaft von Dirk Niepoort und den Black Print von Markus Schneider. Beide hatten wir jetzt länger nicht im Glas, aber vor Jahren hatten wir Spaß daran.

Captain Cork kommentiert in seinem Newsletter vom 16. Dezember 2020, wie er die Welt jenseits der dünnen Weinchen kennenlernte:

Und weißt du durch welchem Wein? Es war der Black Print von Winzer-Genie Markus Schneider aus der Pfalz, einer der wenigen deutschen Winzer, die es schafften, hohe Qualität und große Produktionszahlen unter einen Hut zu bringen. Und das noch im Verbund mit perfektem Marketing. Irgendwer wird diesem Winzer für seine Pionierarbeit ein Denkmal errichten müssen, falls der Kollegenneid das zulässt. Wenn man so will, ist der Black Print einer der Basisweine von Markus Schneider. Umsatzbringer und Visitenkarte einer großen Winzermarke. … Basisweine sind die erste Stufe auf einer Treppe, die dich so weit nach oben führt wie du willst.

Und ich oute mich: Den Black Print kann man trinken. Ähnlich verhält es sich mit dem Fabelhaft Tinto von Dirk Niepoort. Im zu Weihnachten 2020 erschienenen PDF-Newsletter PINWand Nr. 317 von Pinard de Picard konnte ich lesen:

Hierzulande reduziert man Dirk gerne auf seine erfolgreichen Weine im Basisbereich, gerade der „Fabelhaft“ scheint in Deutschland so berühmt wie berüchtigt – und vor allem: rasend beliebt!

Auch hier ein leckerer Einstiegswein, ein „Vin de soif“ aus Portugal, ein Cuvée vor allem in Portugal ansässiger Rebsorten, geschickt vermarket, in Deutschland mit einem einprägsamen Etikett mit Wilhelm Busch-Motiven.

Ein Muskateller von der Deutschen Wein-Entdeckungsgesellschaft

Apropos Vermarkung: Eingetroffen ist unterdessen der Jahreswein der Deutschen Wein-Entdeckungs-Gesellschaft:

In jedem Jahr entdeckt (sprich: macht) die Gesellschaft genau einen Wein. Dafür suchen wir uns jeweils einen deutschen Spitzenwinzer aus, der das Zeug und den Mut hat dieses Abenteuer einzugehen. Gemeinsam wird festgelegt wie die Trauben und der Wein gehegt und gepflegt werden. Was dabei herauskommt? Keiner kann es wissen.

Über uns – Deutsche Wein-Entdeckungs-Gesellschaft

Die Weine können in verschiedenen Paketierungen erworben werden und kosten zwisc hen 20 und 30 Euro die Flasche, also auch etwas exklusiver im Preis. Der diesjährige Wein ist ein 2019er Muskateller des fränkischen Weinguts Zehnthof Luckert. Der „Nunn“ soll hervorragend zu asiatischer Küche schmecken. Ich bin gespannt. Es ist auch mein zweiter Versuch mit der Wein-Entdeckungs-Gesellschaft. Danach werde ich prüfen, ob der Weingeschmack von Carsten Henn eventuell doch etwas zu exklusiv für mich ist.

Wein im Onlinehandel: Ich mag die Shops, die Geschichten erzählen

Schließlich noch Lesezeichen von FAZ.NET. Dort ist ein Bericht über Vicampo, den laut eigenen Aussagen zweitgrößten deutschen Onlineweinhändler (hinter Hawesko) erschienen. Bei den Mainzern habe auch ich hin und wieder Wein bestellt. Bei Vicampo fehlt mir etwas, was Pinard de Picard mit seiner PINWand, Heiner Lobenberg mit seinem Katalog und auf der Webseite* oder auch Captain Cork in seinem Newsletter machen. Dort werden Geschichten zu Wein und Winzern erzählt und das macht mich oft neugierig. Bei Vicampo gibt es ab und an interessante Probierpakete von Winzern (aber die werden auch jetzt oft von den Winzern selbst angeboten). Sonst bekomme ich halt nur … Angebote, aber damit scheint man gut leben zu können, auch in Corona-Zeiten.

Die Weinszene muss digitaler werden, aber …

Oliver Bock schreibt, dass Winzer besser als Gastronomen durch die Krise kommen:

Vor allem jene Erzeuger, die viele treue Privatkunden haben und die überdies im Internet aktive Verkäufer sind. Nie zuvor haben sie so viele Weinkisten gepackt wie in diesem Jahr. … Die Pandemie wirkt als Katalysator vieler Veränderungsprozesse auch in der Weinbranche. … Die Pandemie hat vielmehr die Digitalisierung der Weinbranche, die im zu Ende gehenden Jahr auf ihre großen Messen und Präsentationen verzichten musste, stark befördert. Webshops wurden aus dem Boden gestampft, Internet-Weinproben organisiert, digitale Weinbars eröffnet, Talkshows zum Thema Wein initiiert.

Schöne, neue Weinwelt

Das entspricht auch meinen Beobachtungen. Ich muss aber auch zugeben, dass ich bei Podcasts hängen geblieben und die gibt es schon länger. Das mag noch in die Kategorie Talkshows fallen. An Online-Weinproben habe ich noch nicht teilgenommen, obwohl ich es mir vorgenommen hatte. Gutes, modernes Marketing darf sein und ist nicht „unanständig“, siehe auch die oben zitierten Beispiele Markus Schneider und Dirk Niepoort.

… mir fehlt der Besuch beim Winzer vor Ort

Doch ich gebe zu, dass mir jenseits der E-Mail-Newsletter, der Onlinediskussionen und aller Notwendigkeit, auch in der Weinszene digitaler zu werden, vor allem eines fehlt: Der Besuch beim Winzer:in vor Ort, die Weinprobe dort am liebsten mit Freunden und der direkte Kontakt zu den „Weinmachern:innen“. Hoffentlich geht das wieder, irgendwann in 2021 und wenn es Herbst werden sollte.

In diesem Sinne ein frohes neues Jahr. Bleibt vor allem gesund – und vernünftig.

Die Weinszene muss digitaler werden, keine Frage, aber mir fehlen die Besuche mir Freunden direkt bei dem:der Winzer:in, das die Weinmacher:in kennenlernen. Hoffentlich im Herbst 2021 wieder. Bleibt gesund! #Wein #Genuss

(Stefan Pfeiffer)

* Das aktive Geschichten erzählen über E-Mail-Newsletter scheint mit bei Lobenberg gerade etwas eingeschlafen, aber vielleicht täusche ich mich auch nur.

Lesezeichen: Die Wutrede einer Frankfurter Lehrerin über Schulen und Corona oder das uneinige föderale Reich deutscher Unvernunft.

22. November 2020 Posted by Stefan Pfeiffer

In. der FAZ vom 21. November wird die (anonymisierte einer Lehrerin veröffentlicht. Wie ich finde, ein lesenswerter Beitrag. Leider einmal wieder online Premium Content, also nur für Abonnenten verfügbar. Der Frust kommt deutlich raus:

Es fängt schon vor dem Unterricht an. Nichts deutet auf eine Pandemie: Die Schüler stehen dicht an dicht zusammen in Gruppen ohne Maske, ohne Abstand, wie immer eigentlich. Corona fängt für sie hinter dem Schultor mit dem Aufsetzen ihrer Masken an.

Lehrerin über Schulen und Corona: „Auch Lehrer haben das Recht, geschützt zu werden“

Das beobachte ich auch so. Zwei Schulen sind unmittelbarer Nähe. Ich gehe durch den Ort. Vor der Dönerbude stehen dicht gedrängt 10 Jugendliche. Die Maske wird nur aufgezogen, wenn jemand rein geht.

Es ist schwierig und nur zu leicht gleite auch ins Fingerpointing ab. Doch es scheint mir so zu sein, dass im Alter zwischen 14 und 29 Jahren die höchste Inzidenz zu bemerken ist, wie auch im NDR Podcast vom 17.11.2020 besprochen wird. Und laut einer Studie scheint es so zu sein, dass sich viele Jugendliche nicht in der Schule, sondern in der Freizeit, im privaten Umfeld anstecken. Das alles mit aller Vorsicht gesagt.

Doch zurück zu der Wutrede, der betroffen macht. Von der Lehrerin werden korrekte Fragen gestellt. Lesen. Manche Punkte kann man in Frage stellen, doch viele der angesprochenen Punkte kann man verstehen. Ich warne aber davor, von „der Regierung“ zu sprechen, die ein halbes Jahr Zeit hatte, sich Gedanken zu machen. Das müssen wir differenzieren. Wenn „die Regierung“ Angela Merz und ihr Team ist, würde ich sagen, dass die ja gerade wieder einmal von den Landesfürsten ausgebremst wurden. „Die Regierung“ sind Bund, Land, Kreise, Schulämter, Gesundheitsämter … So kompliziert ist es leider.

Wurde der Sommer von den verantwortlichen Behörden verpennt? War die zweite Welle etwa nicht voraus zu sehen? Die Frage wird korrekterweise gestellt. Was haben die verschiedenen Behörden und Verwaltungen getan? Welche Pläne wurden entwickelt, die man zum Zeitpunkt X aus der Schublade holt? Das vermisst nicht nur besagte Lehrerin.

Stattdessen wird ein Bild unklarer Zuständigkeiten, keiner klaren Vorgaben vermittelt. Der Föderalismus schießt sich ins Knie. Viele Schul- und Gesundheitsämter sind wohl überfordert, haben die Kontrolle verloren, die bürokratischen Prozesse scheinen zu langsam zu sein. Statt ein bundesweit gültiges, klares Ampelsystem mit klar definierten Regeln umzusetzen, üben sich wir Deutschen einmal wieder in Kleinstaaterei. Viele der Landesfürsten blockieren dringend notwendige Maßnahmen und Verschärfungen. Sie haben den Schuss wohl noch immer nicht gehört.

Da wundert es nicht, dass die Zustimmung der Deutschen nach neuen Umfragen scheinbar sinkt. Ich glaube nicht, dass es mangelnde Zustimmung zur Bekämpfung der Pandemie ist. Vielmehr scheint es eher Frust zu sein, weil man die Maßnahmen nicht versteht. Sie scheinen überall anders zu sein. Ebenso schlimm: Die Empfehlungen, was getan werden müsste, scheint es zu geben. Doch sie werden nicht bundesweit nach einer gemeinsam vereinbarten und durchgesetzten Vorgehensweise – Stichwort einheitliches Ampelsystem mit definierten Aktionen – durchgesetzt. Das uneinige föderale Reich deutscher Unvernunft mit dem Clopapier als Ersatz des Bundesadlers.

(Stefan Pfeiffer)

Bild von Alexas_Fotos auf Pixabay

Urlaub 2019 & 2020: Sonne in Soma Bay, Nebel am Frankenstein

11. November 2020 Posted by Stefan Pfeiffer

Normalerweise wären wir jetzt in Urlaub in Ägypten. Auszeit vom deutschen Herbst und Winter nehmen, Sonne tanken, denn bis März oder April wird es grau in Deutschland. Ich würde mit Nemo schnorcheln und mit Freunden feiern.

In diesem Jahr ist alles anders. Heimaturlaub wegen Corona. Der Wald am Frankenstein bei Darmstadt ist bunt, neblig, aber schön. Trotzdem fehlt uns natürlich die Sonne. Es ist, wie es ist – und wir müssen halt da durch.

Unser Reiher, der in jedem Jahr vorbei schaute, fehlt natürlich (trotz Fischreiher, der regelmäßig an unserer Wohnung vorbei fliegt).

Realitätsverweigerer

4. November 2020 Posted by Stefan Pfeiffer

Ich habe es gezwitschert, aber es gehört länger dokumentiert, was Gunter Dueck korrekt zusammenfasst:

Tusch! Wir haben die Neuinfektionen gedrückt und die tägliche Anzahl der Toten fast auf Null gebracht. Tusch! Ein Hoch auf Deutschland!

Dann aber haben die Realitätsverweigerer wieder die Sau rausgelassen. Wir gehen nun mit weit mehr Neuinfektionen in die Todessaison als wir uns je vorgestellt hatten. Ich will sagen: Wir haben durch Leichtsinn hunderte Milliarden Euro sinnlos vertan – weil wir ein vermeintliches Recht auf Feiern und Urlaub ohne Zwänge missbräuchlich ausübten

Realitioten oder Kassandra wird ignoriert – Omnisophie

Wir haben nicht nur Tausende Euro pro Einwohner zum Fenster raus geworfen. Vor allem steigt die Zahl der Infizierten und der Toten.

Corona-Soforthilfe in BaWü – bessere Sterbehilfe?

27. März 2020 Posted by Heiko Voigt

Heute mal ein Post zu einem anderen Thema. Seit einigen Tagen wird die KMU-/Solo-Selbständigen-/Freiberufler-Soforthilfe des Landes Baden-Württemberg diskutiert. Die Rahmenbedingungen für dieses Pro ...